Auf TikTok geht regelmäßig ein wunderbares Genre viral: Jemand ist 30, 32 oder 35 Jahre alt, schaut in die Kamera und erzählt, dass andere ihn ständig für 18 halten.
Nein, mein Lieber.
Du bist dreißig.
Du siehst für deine dreißig Jahre einfach nur sehr gut aus.
Und das Interessanteste daran ist, dass die Person höchstwahrscheinlich tatsächlich nicht lügt. Wir haben allmählich vergessen, wie unsere echten Gesichter aussehen.
In den Spiegel schauen wir nur ein paar Minuten am Tag. Das Smartphone hingegen zeigt uns ständig: ein vorteilhafter Winkel, gutes Licht, eine Frontkamera, die von selbst die Proportionen verändert, und obendrein noch ein „Nichts-Besonderes“-Filter, der nur ganz dezent die Poren entfernt, das Gesicht schmaler macht, die Augen anhebt und dabei versehentlich sieben Jahre wegmogelt.
Nach einer Weile erscheint einem genau diese Version des eigenen Ichs als die echte, während die Person im Spiegel aus irgendeinem Grund wie Jefim Schifrin aussieht (obwohl man doch lieber wie Friske aussehen würde). Ein schlechter Spiegel, ganz offensichtlich.
Gleichzeitig hat die Schönheitsindustrie eines sehr gut verstanden: Jugend lässt sich gewinnbringender verkaufen als Schönheit.
Früher wurde Botox mit Menschen assoziiert, die plötzlich aufhörten, mit ihrem Gesicht Erstaunen auszudrücken. Heute ist es „präventiv“ geworden. Das heißt, man schlägt Ihnen vor, Falten zu behandeln, noch bevor sie entstehen.
Das perfekte Geschäftsmodell: erst ein Problem erfinden und dann mehrere Jahrzehnte lang dessen Entstehung verhindern.
Das Alter hat sich von einer biografischen Angabe allmählich zu einem Makel entwickelt.
Du bist 25 – Zeit, an 35 zu denken.
Mit 35 sollte man möglichst wie 28 aussehen.
Mit 40 möchte man den magischen Satz hören: „Das hätte ich nie gedacht.“
Und wenn man Ihnen Ihr tatsächliches Alter ansieht, wird das aus irgendeinem Grund fast als Beleidigung empfunden.
– Auf wie alt schätzt du mich?
– Achtunddreißig.
– Ich bin achtunddreißig.
– Oh.
Dieses „Oh“ ist besonders schön.
Doch das Aussehen ist hier nur die halbe Geschichte. Wir wissen inzwischen selbst nicht mehr so recht, wann genau wir uns eigentlich erwachsen fühlen sollten. Für frühere Generationen gab es zumindest einen klaren Lebensentwurf: Arbeit, eine eigene Wohnung, Familie, Kinder. Nicht alle konnten ihn verwirklichen, und nicht alle machte er glücklich, aber immerhin war klar, wo ungefähr das Erwachsenenleben begann. Heute kann jemand 35 sein, einen befristeten Arbeitsvertrag und eine Mietwohnung haben, schon wieder vor einem Umzug stehen und das Gefühl haben, dass das eigentliche Leben noch ein Stück weit vor ihm liegt.
Bei Migranten fällt das besonders auf.
Du kannst als erwachsener Mensch mit einem Beruf, Erfahrung und einem normalen Sozialleben nach Deutschland kommen. Und dich ein paar Monate später wieder darüber freuen, dass du selbstständig beim Arzt angerufen und den größten Teil der Antwort verstanden hast.
Das wirkt äußerst verjüngend.
Um gut und gern fünfzehn Jahre.
Ein Teil des Erwachsenenlebens muss von Grund auf neu aufgebaut werden: Sprache, Arbeit, Freunde, Status und die Fähigkeit, ganz selbstverständlich zu diskutieren und für sich selbst einzustehen.
У наших “коллег по цеху” есть ещё одна особенность. Некоторые из нас действительно начинают проживать юность позже. Пока одноклассники ходили на свидания, кто-то следил за историей браузера, придумывал ответы родственникам на вопрос про девушку и учился не смотреть слишком долго на красивого парня. Поэтому человек, который в 32 впервые спокойно идёт на прайд, тусуется до утра и берёт мужчину за руку на улице, не обязательно изображает подростка.
Manchmal holt er einfach nur nach, was ihm einst verwehrt blieb.
Doch zwischen dem Nachholen des Ungelebten und dem Versuch, für immer dort zu bleiben, verläuft eine ziemlich feine Grenze.
Und genau hier beginnt, wie mir scheint, das eigentliche Gespräch über das Erwachsenwerden.
Keine eigene Wohnung zu haben, macht einen Menschen nicht zum Kind.
Keine Kinder zu haben, ebenso wenig.
Genauso wenig wie mit vierzig noch feiern zu gehen.
Schließlich kann man eine Hypothek, zwei Kinder und die emotionale Bandbreite eines Zierkaktus haben. Man kann aber auch bis zum Morgengrauen tanzen und sehr genau wissen, wer man ist, was man will und wofür man Verantwortung trägt.
Das Problem ist vielmehr, dass es sich inzwischen so anfühlt, als würde sich das Älterwerden nicht mehr lohnen.
Früher versprach das Alter zumindest eine Belohnung: mehr Status, Erfahrung, Geld und Anerkennung.
Heute kann man älter werden, ohne reicher zu werden. Man sammelt Erfahrung, die plötzlich niemand mehr braucht. Und in einer Dating-App stellt man obendrein fest, wie wenig an der Vorstellung dran ist, dass Menschen mit zunehmendem Alter interessanter werden.
Deshalb klammern wir uns an die Jugend, lassen uns die Stirn spritzen, bearbeiten unsere Fotos, betonen immer wieder, dass man uns stets jünger schätzt, und sind ein wenig beleidigt auf den Kalender, weil er einen Vertrag bricht, den er nie mit uns geschlossen hat.
Ich glaube, das Problem ist nicht, dass wir nicht älter werden wollen.
Wir verstehen nur nicht mehr, was wir dafür bekommen sollen.
Und deshalb ist es jeden Morgen beim Blick in den Spiegel nach unzähligen Masken viel beruhigender, sich zu sagen: „Dafür sehe ich aber aus wie 25.“
Obwohl, nein.
Mit achtunddreißig (Pause) … ist es schon so weit oder noch nicht (lächelt)
Und das ist ganz normal.
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