Wie die Begeisterung für Männerpflege zum gefährlichen Kult des „Looksmaxxing“ wurde – und warum sich junge Männer freiwillig verstümmeln, um die Aufmerksamkeit von Frauen oder Männern zu bekommen.
Lange Zeit galt in der Gesellschaft der Grundsatz, dass „ein Mann nur ein wenig besser aussehen muss als ein Affe“ und Charisma, Humor und Selbstbewusstsein sämtliche äußerlichen Makel mühelos ausgleichen. Doch in den vergangenen Jahren ist dieser stillschweigende Konsens zerbrochen. Die Generation Z begeisterte sich massenhaft für „Looksmaxxing“ (looksmaxing) – einen Prozess der rigorosen Maximierung und Verbesserung des eigenen Aussehens.
Inspiriert von der makellosen Kieferlinie Patrick Batemans – der Hauptfigur des Films „American Psycho“, der ursprünglich als Satire auf die Konsumgesellschaft gedacht war – entwickeln junge Männer heute mehrstufige Pflegeroutinen und nehmen extreme körperliche Opfer auf sich. Für viele von ihnen ist die Gesichtspflege zu einer Obsession geworden, die an eine psychische Störung und Selbstverletzung grenzt.
Der Blogger Ilja Warlamow hat eine umfangreiche Videoanalyse über die Subkultur der „Looksmaxxer“ veröffentlicht – Männer, die sich für ein perfektes Aussehen aushungern, mit Hämmern ins Gesicht schlagen und sich die Beine brechen. Im Rahmen seiner Recherche ließ sich Warlamow selbst von Jegor Nastojaschtschi, dem bekanntesten russischen Looksmaxxer, beurteilen: Dieser bezeichnete die Lockenmähne des Bloggers als „absolut overpowered“, kritisierte jedoch sein aufgedunsenes Gesicht und riet ihm, dringend seinen Hals zu trainieren.
Inhaltsverzeichnis
Vom gewöhnlichen gesunden Lebensstil bis zum „Bonesmashing“: Wie Männer versuchen, ihre Gesichtsknochen ohne Chirurgen zu verändern
Verfechter des Looksmaxxing unterteilen ihre Methoden in „sanfte“ (softmaxing) und „harte“ (hardmaxing). Zu den sanften Methoden zählt im Grunde eine Neuerfindung eines gesunden Lebensstils: Hygiene, erholsamer Schlaf, Sport und Hautpflege. Dazu zählt auch „Mewing“ (mewing) – eine in sozialen Netzwerken beliebte Technik, bei der die Zunge ständig gegen den Gaumen gedrückt werden soll. Ihre Erfinder, die britischen Kieferorthopäden John und Mike Mew, behaupteten, dadurch werde Druck auf den Kiefer ausgeübt und das Gesicht verbreitert, wodurch das Kinn markanter und männlicher wirke. Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit von Mewing gibt es nicht. Mike Mew selbst wurde 2024 die ärztliche Zulassung entzogen, da seine Methoden als Gefahr für die Gesundheit der Patienten eingestuft wurden.
Sanfte Methoden stellen diejenigen, die mit ihrem Gesicht unzufrieden sind, jedoch schnell nicht mehr zufrieden. Auf der Jagd nach den idealen Proportionen eines „Gigachads“ greifen junge Männer zu harten Praktiken:
- Bone Smashing (bone smashing): Die wohl beängstigendste Behandlung für zu Hause: Männer schlagen sich dabei buchstäblich mit schweren Gegenständen – bis hin zu Hämmern und Sportpokalen – auf Wangenknochen und Kiefer. Looksmaxxer berufen sich auf das Wolffsche Gesetz aus dem 19. Jahrhundert, dem zufolge sich Knochen an Belastungen anpassen. Sie glauben, dass Mikrorisse das Knochengewebe dazu anregen, sich zu regenerieren und in die Breite zu wachsen. Chirurgen warnen: Diese Praxis ist völlig ungeeignet, um die Knochenform zu verändern, führt aber mit Sicherheit zu starken Schwellungen, Brüchen, Narben, Gehirnerschütterungen und neurologischen Komplikationen.
- Chirurgische Eingriffe zu Hause: Um den Blick „brutaler“ und tiefer wirken zu lassen, nehmen manche Looksmaxxer gewöhnliche Rasierklingen und schneiden sich selbst – ohne Betäubung und unter unsterilen Bedingungen – die äußeren Augenwinkel ein, um damit den sogenannten canthal tilt zu korrigieren.
- Extreme Krämpfe: Um ihre Kaumuskulatur zu trainieren, kauen die jungen Männer stundenlang auf harten Handtüchern herum. Dabei schleifen sie ihren Zahnschmelz ab und riskieren Funktionsstörungen der Kiefergelenke.
„Skeleton City“ und Beinverlängerungen: Warum Körpergröße und Gewicht zu den wichtigsten Auslösern männlicher Dysmorphophobie geworden sind
Ein weiterer beängstigender Trend trägt den Namen „Skeleton City“ (Stadt der Skelette). Dabei handelt es sich um extremes Abnehmen, mit dem junge Männer möglichst ausgezehrt aussehen wollen. In der Community beliebte Blogger hungern sich bei einer Körpergröße von über 180 Zentimetern auf 50–55 Kilogramm herunter. Um „eingefallene Wangen“ zu bekommen und die Schädelknochen hervortreten zu lassen, spritzen sie sich unkontrolliert und ohne ärztliche Verordnung starke Medikamente wie Retatrutid, eine Art Ozempic der neuen Generation. Fachleute betonen: Dies ist eine klassische Essstörung und männliche Anorexie, die den Magen-Darm-Trakt schädigt.
Wer von Natur aus nicht mit großer Körpergröße gesegnet ist, entscheidet sich mitunter für eine der schmerzhaftesten und teuersten Operationen der Welt: die chirurgische Verlängerung der Gliedmaßen mithilfe eines Ilizarov-Apparats.
Weil sich bei Frauen in Dating-Apps ein strenger Filter etabliert hat („Bist du kleiner als 185 cm, bist du raus“), legen sich Männer unters Messer plastischer Chirurgen. Dabei werden die Knochen beider Beine gebrochen, Metallstifte eingesetzt und die Patienten müssen täglich an Schrauben drehen, um die gebrochenen Knochen jeden Tag um einen Millimeter auseinanderzuziehen. Die Rehabilitation dauert bis zu zwei Jahre und ist von ständigen Schmerzen geprägt.
Es sind Fälle bekannt, in denen Männer jahrelang zwei Jobs gleichzeitig ausübten, um 170.000 Dollar für eine solche Operation zu sparen. Einer der Protagonisten solcher Geschichten, Moses Gibson aus Minnesota, ließ sich von 165 auf 177 Zentimeter vergrößern und behauptet, erst danach hätten Frauen angefangen, normal mit ihm umzugehen.
Was haben Incels und die „Blackpill“ damit zu tun?
Die Wurzeln des radikalen Looksmaxxings liegen in den Internetforen der Incels – Männer, die trotz ihres Wunsches danach keine Sexual- oder Beziehungspartnerin finden können. Innerhalb dieser Community dominiert die Ideologie der „schwarzen Pille“ (Blackpill). Ihre Anhänger behaupten, dass zwischenmenschliche Beziehungen ausschließlich durch die genetische Lotterie und das Aussehen bestimmt würden. Jede Beteuerung, Frauen seien Charakter, Humor oder Güte wichtig, bezeichnen Incels als Heuchelei.
Hier entsteht ein schwerwiegender psychologischer Widerspruch. Diese Männer empfinden gegenüber Frauen wegen der fehlenden Aufmerksamkeit tiefe Verbitterung, sehnen sich zugleich aber verzweifelt nach ihrer Liebe. Diese Ambivalenz führt zu einem emotionalen Wechselbad. Sie mögen Frauen und den Feminismus hassen, hungern sich aber gleichzeitig jeden Tag aus und entstellen ihre Gesichter mit Hämmern, in der Hoffnung, für das Objekt ihres Hasses attraktiv zu werden.
Soziobiologen weisen darauf hin, dass Incel ihre Identität rund um den Status als „Opfer der Genetik“ aufbauen. Paradoxerweise gratulieren die anderen Mitglieder der Community einem von ihnen nicht, wenn es ihm gelingt, eine erfolgreiche Beziehung einzugehen. Der Erfolg eines Gleichgesinnten wird als direkte Bedrohung ihres eigenen moralischen Opferstatus wahrgenommen, der darauf beruht, „dieses Leben besser durchschaut zu haben als gewöhnliche Durchschnittsmenschen“. Studien zeigen, dass in diesen abgeschotteten Gruppen überproportional viele Menschen an Depressionen und Autismus-Spektrum-Störungen leiden sowie eine erhöhte Neigung zum Sadismus aufweisen.
Gibt es „Schönheitsprivilegien“ wirklich?
Die Wissenschaft bestätigt: Das Phänomen der Schönheitsprivilegien (beauty privileges) gibt es tatsächlich. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieben Psychologen den „Halo-Effekt“ (halo effect), bei dem attraktiven Menschen automatisch höhere Intelligenz, Güte, Ehrlichkeit und Professionalität zugeschrieben werden. Schöne Menschen haben es im Durchschnitt tatsächlich leichter, eine Arbeit zu finden, und verdienen etwas mehr.
Soziologen und Biologen weisen jedoch darauf hin, dass Attraktivität beim Kennenlernen lediglich als erster Filter dient. Der Kult um perfekte Körper und markante Kiefer wird durch die Algorithmen sozialer Netzwerke stark überzeichnet. Langfristig wählen Menschen ihre Partner nach Geruch, Stimme, Charisma, Mimik und Kommunikationsfähigkeit aus. Ein schönes Gesicht kann weder Unreife und toxisches Verhalten noch die Unfähigkeit ausgleichen, einen Dialog zu führen.
Darüber hinaus deutet das Streben nach einem unerreichbaren Ideal häufig auf Dysmorphophobie — eine psychische Störung hin, bei der ein Mensch geringfügige ästhetische Besonderheiten seines Körpers als Katastrophe wahrnimmt. Plastische Chirurgen betonen: Wird ein Patient mit Dysmorphophobie operiert, macht ihn das nicht glücklicher. Sobald ein „Makel“ beseitigt ist, findet er umgehend einen neuen und führt seine persönlichen Misserfolge weiterhin auf die Form seiner Nase oder die Höhe seiner Wangenknochen zurück.
Letztlich sind sich Fachleute und Ärzte in einem Punkt einig: Das Alter und altersbedingte Veränderungen werden unweigerlich jeden treffen. Der wahre Wert eines Menschen und die Beständigkeit seiner Beziehungen hängen nicht vom Kieferwinkel Patrick Batemans ab, sondern davon, was sich in seinem Kopf befindet. Die eigene Bildung zu erweitern und psychische Probleme zu behandeln ist weitaus wirksamer als der Versuch, sich mithilfe eines Hammers und durch Hungern in ein Internetidol zu verwandeln.
Video ansehen. Looksmaxxer und Bimbos: Was nehmen sie für die Schönheit auf sich? | Interview: Jegor Nastojaschtschi, Nasty Bestie
varlamov
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