Die beliebte Dating-App für Schwule Grindr hat sich bereit erklärt, in Großbritannien eine enorme Entschädigung zu zahlen. Rund 12.000 Nutzer warfen dem Dienst vor, ohne ihre Zustimmung sensible Informationen – darunter ihren HIV-Status – an externe Werbetreibende weitergegeben zu haben. Wir beleuchten, wie persönliche Gesundheitsdaten zu einem Instrument für Werbe-Targeting wurden, warum dafür nun gezahlt wird und wie viel die Betroffenen erhalten.
Der Dienst Grindr wird 26 Millionen Pfund Sterling (etwa 48,6 Millionen kanadische Dollar oder mehr als 3 Milliarden Rubel) zahlen, um eine Sammelklage in Großbritannien beizulegen. Diese Vereinbarung beendet einen Rechtsstreit, der im April 2024 begann, als die Londoner Anwaltskanzlei Austen Hays beim High Court für England und Wales Klage einreichte.
Das Unternehmen hat sich verpflichtet, die erste Hälfte des Betrags (13 Millionen Pfund) bis Ende 2026 und den Rest bis Ende März 2027 zu zahlen. Dabei räumt das Unternehmen offiziell kein Verschulden ein und weist die Vorwürfe zurück, erklärt sich jedoch bereit, den Streit beizulegen, und erkennt dabei die „Belastung und den Vertrauensverlust“ der Nutzer an.
Wie gelangten persönliche Gesundheitsdaten zu Werbetreibenden?
Nutzer von Grindr können in ihren Profilen freiwillig ihren HIV-Status, das Datum ihres letzten Tests und die Einnahme von PrEP (einem Medikament zur HIV-Präexpositionsprophylaxe) angeben. Für viele ist dies eine wichtige Sicherheitsmaßnahme vor dem Sex, da in Großbritannien die Übertragung sexuell übertragbarer Infektionen strafrechtlich verfolgt werden kann, wenn der Partner nicht darin eingewilligt hat, dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt zu werden.
Die Kläger behaupten, Grindr habe diese intimen Daten erfasst und an Werbeunternehmen wie Localytics und Apptimize weitergegeben, um Werbung gezielt auszuspielen und zu personalisieren. Von dort konnten die Daten auch an „Viertparteien“ gelangen. All dies geschah ohne die ordnungsgemäße und ausdrückliche Zustimmung der Nutzer, die davon ausgingen, dass diese Informationen vertraulich bleiben würden.
Wer erhält wie viel Entschädigung?
Die Klage wurde eingereicht im Namen von 12.000 Nutzer, die zwischen 2016 und Anfang 2020 die kostenlose Version der App nutzten. Würde die gesamte Vergleichssumme gleichmäßig aufgeteilt, erhielte jeder Kläger im Durchschnitt etwa 2.167 Pfund (etwa 253.600 Rubel oder 4.050 kanadische Dollar).
Das wichtigste Detail: Der High Court des Vereinigten Königreichs gewährte allen Klägern Vollständige Anonymität. Dies geschah, um die Betroffenen davor zu schützen, dass ihre persönlichen Daten und ihr Gesundheitsstatus im Rahmen eines öffentlichen Gerichtsverfahrens offengelegt werden. Die Namen der Beteiligten werden vor der Öffentlichkeit geheim gehalten und erscheinen auch nicht in den Gerichtsakten.
Was hat China damit zu tun?
Grindr erklärt, die Vorwürfe beträfen „frühere Praktiken im Umgang mit Daten“ aus der Zeit vor 2020. Damals gehörte die App dem chinesischen Spieleunternehmen Beijing Kunlun Tech.
Letztlich wurden die chinesischen Eigentümer gezwungen, Grindr für 608–620 Millionen Dollar an das Konsortium amerikanischer Investoren San Vicente Acquisition zu verkaufen – und zwar aufgrund von Bedenken der US-Regierung hinsichtlich der nationalen Sicherheit: Die US-Behörden befürchteten, dass chinesische Geheimdienste Zugang zu sensiblen Daten von Amerikanern erhalten könnten, darunter deren Nachrichten und HIV-Status. Anschließend wechselte das Unternehmen seine Führung aus, aktualisierte seine Datenschutzrichtlinie und ging an die Börse.
Ist dies der erste derartige Skandal um Grindr?
Bei Weitem nicht der erste Fall. Die App steht schon seit Langem im Visier europäischer Regulierungsbehörden:
- Bereits 2018 stellten norwegische Forscher fest, dass Grindr medizinische Daten seiner Nutzer an Dritte weitergibt. Daraufhin kündigte die App an, diese Praxis einzustellen.
- Im Jahr 2021 verhängte die norwegische Datenschutzbehörde gegen Grindr eine Rekordstrafe von 65 Millionen Kronen (rund 4,8 Mio. Pfund bzw. 604,9 Mio. Rubel) wegen eines Verstoßes gegen die GDPR. Grindr führte einen langen Rechtsstreit, verlor jedoch 2024 schließlich das Berufungsverfahren vor einem norwegischen Gericht.
- Im Jahr 2022 erteilte die britische Regulierungsbehörde (ICO) dem Unternehmen eine offizielle Verwarnung, weil es den Nutzern keine verständlichen Informationen darüber bereitgestellt hatte, wie ihre personenbezogenen Daten verarbeitet werden.
Solche Verfahren schaffen einen äußerst wichtigen Präzedenzfall: Intime Informationen auf Online-Plattformen dürfen nicht länger bedenkenlos zugunsten von Werbeeinnahmen verkauft werden, und der Schutz digitaler Rechte wird nicht nur zu einer Frage der finanziellen, sondern auch der körperlichen Sicherheit der Nutzer.
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