Junge Männer in Deutschland erstellen Fake-Profile in queeren Dating-Apps, verabreden sich mit schwulen Männern und greifen sie dann in Gruppen an, demütigen sie und filmen das Geschehen. Einige Mitglieder solcher Gruppen bezeichnen sich selbst als „Pedo-Hunters“ – „Pädophilenjäger“.
Darüber berichtet eine am 18. August veröffentlichte Recherche des deutschen Projekts team.recherche Tagesschau und des Saarländischen Rundfunks. Die Journalisten zählten deutschlandweit mehr als 70 gemeldete Fälle solcher Angriffe in den vergangenen zehn Jahren. Allein für 2025 konnten sie 34 Fälle ermitteln. Die tatsächliche Zahl könnte deutlich höher liegen: Einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zufolge meldet nur etwa jedes zehnte Opfer solche Straftaten der Polizei.
Er kam zu einem Date – dort warteten bereits mehrere Personen auf ihn
Eines der Opfer, das die Journalisten Lukas nennen, hatte sich auf einem Parkplatz mit einem volljährigen Mann verabredet. Statt seines Dates tauchte eine Gruppe junger Männer auf. Lukas zufolge zerrten sie ihn aus dem Auto, filmten und demütigten ihn. Sie zwangen ihn zu tanzen und vor laufender Kamera zu behaupten, er habe Sex mit Minderjährigen haben wollen. Lukas selbst beteuert, er habe sich mit einem Erwachsenen verabredet. Die Angreifer bezeichneten sich als „Pedo-Hunters“.
Was hat das überhaupt mit Pädophilie zu tun?
Die Journalisten beobachteten mehrere Wochen lang einen Discord-Server mit etwa 1.500 Mitgliedern, auf dem Nutzer Angriffe diskutierten und Videos sowie Gewaltfantasien austauschten.
Offiziell erklärten die Mitglieder der Community, sie würden gegen Menschen vorgehen, die sie für pädophil hielten. Doch in den Chats tauchten regelmäßig homophobe Äußerungen auf, und Homosexualität wurde direkt mit Pädophilie gleichgesetzt. Ein Nutzer berichtete beispielsweise von einem Angriff auf seinen Onkel und bezeichnete ihn dabei zugleich als schwul und pädophil.
Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg bestätigte den Journalisten, dass bei solcher Propaganda der vermeintliche „Schutz von Kindern“ tatsächlich als Vorwand für Feindseligkeit gegenüber queeren Menschen dient. Die alte Gleichung „schwul = pädophil“ ist also keineswegs verschwunden. Man hat ihr lediglich Discord, eine Handykamera und die Möglichkeit gegeben, über Dating-Apps Opfer zu finden.

In den Chats fanden sich auch rechtsextreme Inhalte
Die Mitglieder des Servers bezeichneten ihre Bewegung zugleich als „unpolitisch“, doch Journalisten fanden dort antisemitische Beiträge, rechtsextreme Symbole und Nachrichten, in denen etwa zum „Kampf gegen LGBTQ“ aufgerufen und das „Deutsche Reich“ unterstützt wurde.
Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz hält sogenannte Pedo Huntings für ein potenzielles Instrument zur Radikalisierung junger Menschen in der rechtsextremen Szene.
Nach Einschätzung der Behörde kann das Thema Kinderschutz von Extremisten zur Mobilisierung instrumentalisiert werden, wobei Pädophilie und Homosexualität bewusst miteinander vermengt werden.
Die Angreifer von Lukas wurden verurteilt
Die Beteiligten an dem Angriff auf Lukas wurden später verurteilt. Er selbst sagt, dass er weiterhin queere Dating-Apps nutzen werde. Unterdessen forderte die Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, die Einrichtung eines bundesweiten Systems zur Erfassung solcher Angriffe.
Bislang plant die Bundesregierung kein solches System. Das Bundesinnenministerium hat Empfehlungen für die Polizei erarbeitet, die dabei helfen sollen, queerfeindliche Straftaten einheitlich zu erfassen. Und so ist vor einem Treffen über eine Dating-App nun offenbar noch eine weitere Prüfung nötig: nicht nur, ob die Person auf dem Foto wirklich existiert, sondern auch, ob sich dahinter womöglich eine Gruppe mit Kamera und einem sehr eigenwilligen Verständnis von Kinderschutz verbirgt.
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