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Ich habe vor Kurzem einen schwulen Blogger deabonniert. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war sein Bericht über Pride-Paraden in Deutschland: Dort gebe es angeblich bunt angemalte Kerle, Sex auf offener Straße, und überhaupt brauche Russland all das nun wirklich nicht.
Besonders überzeugend klang das aus dem Mund eines Mannes, der selbst ganz selbstverständlich Schwulensaunen besucht und anschließend ausführlich erörtern kann, warum die Passiven nicht quer durch die ganze Stadt zu ihm fahren wollen oder unzureichend vorbereitet bei ihm ankommen.
Das heißt, die Homosexualität an sich stört ihn nicht. Hauptsache, sie findet in einem fensterlosen Raum irgendwo im Keller statt.
Und diesem „Ich bin schwul, aber Pride geht mittlerweile zu weit“ begegne ich ständig.
Alle versprechen, dass gefickt wird, aber ich habe davon nie etwas gesehen
Das Ärgerlichste ist, dass ich diesen berühmten Sex auf offener Straße noch kein einziges Mal gesehen habe. Alle reden davon, erzählen Legenden darüber. Ich gehe regelmäßig zu Pride-Paraden und sehe mich dort, glauben Sie mir, ganz genau um. Jedes Mal komme ich in der Hoffnung, endlich das zu sehen, womit man mir seit vielen Jahren im Internet Angst macht – und jedes Mal gehe ich enttäuscht wieder nach Hause. Dabei kleide ich mich auch entsprechend, und so lange bin ich nun auch wieder nicht vom Markt, als dass ich nicht meine eigene Belästigungsgeschichte abbekommen könnte.
Obwohl, das stimmt nicht.
Einmal sah ich einen etwa fünfzigjährigen Mann, der einfach ohne Unterhose die Straße entlanglief, dafür aber mit einem Lawrow-Gesicht, das größer war als die Stelle, die es zu bedecken galt. Wie eine sexuelle Bedrohung wirkte er jedoch nicht. Eher wie eine Sozialwerbung dafür, was in einigen Jahren aus uns wird, wenn wir nicht aufhören, in Saunen an allem Möglichen zu schnüffeln.
Und es geht dabei nicht einmal nur um meine Beobachtungen. So verbieten etwa die Regeln von Pride in London ausdrücklich Nacktheit, unsittliches Entblößen und sexuelle Handlungen entlang der Paraderoute; als Richtwert für die Bekleidung gilt bei den Organisatoren mindestens Badekleidung.
Doch in den Erzählungen der Pride-Gegner verwandelt sich ein Kerl in Lederunterhosen wie durch ein Wunder sofort in einen öffentlichen Geschlechtsakt.
Vielleicht besteht das Problem darin, dass hier zum ersten Mal Sexualität gezeigt wurde, die tatsächlich existiert.
Na und, dann laufen diese Pups eben herum. Sie kacken ja nicht auf den Rasen.
Vor Kurzem beschloss auch eine Dame im britischen Fernsehen, in unserer freien Gesellschaft ihre Meinung zu äußern, woraufhin eben diese freie Gesellschaft übrigens recht munter über sie herfiel.
Caroline Farrow begann mit der Behauptung, Pride habe angeblich aufgehört, für die Rechte von Schwulen zu kämpfen, und sei zu einem Fest aller möglichen „seltsamen und ungesunden“ Fetische geworden. Danach kam das schmerzlich Vertraute: Furrys, Zoophilie, Pädophilie. Mehr als 12.000 Menschen beschwerten sich über die Ausstrahlung bei GB News, woraufhin Ofcom eine Untersuchung der Sendung einleitete.

Einen Kerl mit Pup-Maske gesehen, gedanklich noch einen Hund und einen Pädophilen hinzugefügt – fertig ist die Gesellschaftsanalyse.
Na und, dann laufen diese Männer eben mit ihren Masken herum. Und?
Sie kacken nicht auf den Rasen. Sie beißen Passanten nicht ins Bein. Sie gehen still spazieren, reiben sich an einem Bein, lassen sich fotografieren, nehmen die Maske ab und fahren nach Hause (das ist Sarkasmus; ich kenne viele Pups und habe sie sehr gern, sie sind sehr gute und treue Freunde, ganz gleich, ob mit oder ohne Maske).
Es gibt auch Furrys, die mich stark an die Kinderanimateure aus meiner Kindheit erinnern. Nur sind ihre Kostüme deutlich besser und vor allem teurer. Übrigens denke ich beim Anblick eines guten Furrys nicht zuerst an sexuelle Abweichungen, sondern an die finanzielle Situation der Person im Kostüm.
Denn ein vollständiger, hochwertiger Fursuit kostet schnell mehrere Tausend. Bei einem britischen Hersteller beispielsweise ist ein komplettes Kostüm ab etwa viertausend Pfund erhältlich.
Ja, diese Schwäche habe ich: Ich beurteile den Wohlstand von Menschen anhand ihrer Hobbys.
Aber die Methode funktioniert übrigens.
Wenn sich jemand für viertausend eine Fuchsgestalt anfertigen lassen und damit anschließend mehrmals im Jahr zu Events reisen kann, weiß ich ungefähr, wer von uns beiden eher finanzielle Unterstützung braucht.
Und noch einmal ausdrücklich: furry ist keineswegs gleichbedeutend mit einem sexuellen Fetisch. Forscher des furry-fandom weisen seit Jahren darauf hin, dass es für einen Teil der Community zwar eine sexuelle Komponente gibt, es aber falsch ist, den gesamten fandom darauf zu reduzieren.
Aber wen interessieren schon solche langweiligen Details, wenn der Vorwurf der Pädophilie bereits griffbereit ist.
Uns wird wieder einmal vorgeschlagen, gute Schwule zu sein
Am meisten stört mich nicht einmal der Streit über nackte Ärsche.
Mich stört der Deal an sich.
Seid normal – dann wird euch die Gesellschaft auch normal behandeln. Und dann folgt die bereits bis zum Überdruss bekannte Aufzählung:
Stellt euch nicht so zur Schau.
Provoziert nicht.
Lauft nicht halbnackt herum.
Küssen Sie sich nicht zu viel.
Zeigt keine Fetische.
Macht die Pride nicht so grell.
Zeigen Sie den Menschen, dass Sie genauso sind wie sie.
Gut.
Nehmen wir zum Beispiel einen Schwulen. Ehemann. Arbeit. Hypothek. Zweimal im Jahr Urlaub. Samstags zu Aldi.
Ein wunderbarer Schwuler, so einen wünscht sich jeder.
Fast ein Mensch.
Doch sobald derselbe Mann ein Harness anlegt, zur Pride geht und nicht mehr wie eine Figur aus einer Sparkasse-Werbebroschüre aussieht, geht es los:
„Genau deshalb mag man euch nicht.“
Und warum sollten meine Rechte überhaupt davon abhängen, ob irgendjemandem das Harness einer fremden Person gefallen hat?
Jedes Jahr sehe ich auf dem Oktoberfest Menschen, deren Ästhetik und Verhalten bei mir deutlich mehr Fragen aufwerfen. Trotzdem habe ich bisher nicht gefordert, die Rechte der Bayern zu überdenken.
Und was besonders komisch ist: Pride war nie eine Ausstellung anständiger Schwuler
Der erste New Yorker Pride-Marsch fand am 28. Juni 1970 statt, ein Jahr nach dem Stonewall-Aufstand. Schon damals wurde innerhalb der Bewegung darüber gestritten, wer als hinreichend geeignetes Gesicht der Community gelten könne: Die Library of Congress erwähnt, dass die Queens Liberation Front unter anderem als Reaktion auf Versuche entstand, Dragqueens beim ersten Marsch ans Ende zu drängen.
Mehr als fünfzig Jahre sind vergangen.
Wir entscheiden immer noch, wen wir am besten in die erste Reihe stellen, damit sich Heterosexuelle nicht schämen müssen, uns anzusehen.
In Berlin wirkt das besonders komisch. Im offiziellen Programm des Pride Month 2026 gab es eine eigene Tour zur Kink-, Fetisch- und sexpositiven Kultur der Stadt: BDSM, Sexclubs, Konsens und die Geschichte des queeren Berliner Nachtlebens.
Der offizielle Berliner CSD betrachtet diese Kultur also als einen so selbstverständlichen Teil der queeren Stadtgeschichte, dass er eine Führung dazu anbietet.
Aber jemand im Internet wusste es natürlich besser und verkündete, dass all das nur dem Ansehen von Schwulen schade.
„Aber da sind doch Kinder“
Na klar.
Kinder kommen in jeder Debatte über Pride ungefähr in der dritten Minute ins Spiel.
Manchmal sogar noch schneller als die riesige LGBT-Community.
Und ja, im öffentlichen Raum gelten Regeln. Ich finde keineswegs, dass eine Pride-Flagge einem das Recht gibt, mitten auf der Straße vor Menschen zu ficken, die dem weder zugestimmt noch dafür bezahlt haben.
Nur gibt es zwischen „mitten auf der Straße ficken“ und „ein Mann trägt Ledershorts“ ziemlich viele Abstufungen.
Ein Kind hat eine Pup-Maske gesehen.
Gut.
Höchstwahrscheinlich dachte es: ein Hündchen.
Ein erwachsener Mann sah dieselbe Maske und dachte an BDSM, Sex, Zoophilie und den Untergang der westlichen Zivilisation.
Und wer von ihnen sexualisiert hier eigentlich das Geschehen?
Dabei wissen wir längst, wie man einen anständigen Pride veranstaltet
Man kann diese Idee sogar bis zur Perfektion treiben.
Weg mit den nackten Hintern.
Dann die Haut – zu sexuell.
Pups – seltsam.
Dragqueens – provokant.
Männer sollten sich lieber nicht küssen, schließlich sind Kinder dabei.
Auch die vielen Regenbogenflaggen sind etwas übertrieben. Alle wissen ohnehin, warum ihr auf die Straße gegangen seid.
Und so bekommt man schließlich eine vollkommen sichere Pride.
Die Menschen gehen in gewöhnlicher Kleidung durch die Straßen, stören niemanden und zeigen nichts Außergewöhnliches.
Dann könnte man die Pride sogar ganz ausfallen lassen.
Dann wird garantiert kein einziger Heterosexueller etwas Schlechtes über uns denken.
Obwohl, nein.
Wird er doch.
Denn jemand, der erst die Länge meiner Shorts überprüfen muss, bevor er meine Rechte respektiert, wird ohnehin einen Grund finden.
Wenn Ihnen ein Mann im Harness nicht gefällt, schauen Sie einfach nicht hin.
Mir gefällt die Hälfte der Menschen auf der Straße ästhetisch auch nicht besonders .
Aber wenn Sie selbst in die Schwulensauna gehen und anschließend behaupten, Pride schade dem Ruf von Schwulen, sollten Sie sich doch einmal entscheiden. Wie heißt es so schön: Entweder legst du das Kreuz ab oder ziehst dir eine Unterhose an.
Ist Ihnen das Ficken unangenehm?
Oder etwa, dass Schwule manchmal auch dort existieren, wo man sie nicht einfach übersehen kann?
✦ Das Material ist in der Ausgabe des Autors veröffentlicht. Die im Text dargelegten Meinungen, Bewertungen und Schlussfolgerungen gehören dem Autor und stimmen möglicherweise nicht mit der Position des Herausgebergremiums von Doberman.media überein. Das Herausgebergremium ist nicht verantwortlich für die Interpretationen, Aussagen und Schlussfolgerungen des Autors.
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