Ende Juli trat in Georgien eine neue gesellschaftliche Bewegung namens „Nationale Generation“ an die Öffentlichkeit, die sich zum Ziel setzte, auf jede Beleidigung nationaler Traditionen, der Religion und der Geschichte „unverzüglich zu reagieren“. Menschenrechtsaktivisten und die Zivilgesellschaft befürchten, dass sich im Land eine auf der Straße agierende „Sittenpolizei“ formiert, die im Interesse der Regierung handelt.
„Doberman Media“ erläutert (auf Wunsch eines Lesers), was über diese Organisation bekannt ist und wie sie sich in den konservativen Kurswechsel der georgischen Politik einfügt.
Inhaltsverzeichnis
Was ist das für eine Bewegung, und wer führt sie an?
Gegründet wurde die Organisation vom Mixed-Martial-Arts-Kämpfer (MMA) Giorgi Kartwelischwili. Seinen Worten zufolge werde die Bewegung die „traditionellen Werte“ und die Kultur Georgiens schützen. Wie dieser Schutz aussehen soll, bleibt allerdings unklar: Kartwelischwili kündigte an, auf alles, was er als beleidigend erachte, „unverzüglich zu reagieren“, und betonte, die Mitglieder der Gruppe seien bereit, die Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen und sogar „ins Gefängnis zu gehen“.
Die ersten Vorfälle: Misshandlung eines Komikers
Die Frage, was genau unter einer „unverzüglichen Reaktion“ zu verstehen ist, stellte sich nach dem Angriff auf den Komiker Onise Okriaschwili mit besonderer Dringlichkeit. Am 22. Juli wurde er vor seinem Haus in Tiflis brutal zusammengeschlagen. Dem Vorfall war eine Kampagne regierungsnaher Medien vorausgegangen, die einen Ausschnitt aus seinem Auftritt über den Schriftsteller Nodare Dumbadse verbreitet hatten.
Obwohl Juristen davor warnen, vorschnell von einer direkten Verbindung der „Nationalen Generation“ zu diesem Angriff auszugehen, Kartwelischwili unterstützte offen den in diesem Fall Festgenommenen, bezeichnete ihn als seinen Freund und forderte eine Entschuldigung von dem verprügelten Komiker selbst. Die Kampagne zur Verteidigung der Angreifer beruhte auf der Behauptung, ihr Handeln sei eine „Reaktion auf die Beleidigung nationaler Werte“ gewesen.
Warum schlagen Menschenrechtsaktivisten Alarm?
Die Georgische Vereinigung Junger Juristen (GYLA) ist der Ansicht, dass die „Nationale Generation“ zu einem Instrument der informellen Kontrolle und Einschüchterung von Regierungskritikern werden könnte. Die Juristen verweisen auf mehrere beunruhigende Anzeichen:
- Aggressive Rhetorik: Die Bewegung erklärt „Menschen mit einer perversen Ideologie“, die aus dem Ausland finanziert würden, den Kampf.
- Übereinstimmung der Narrative: Die Parolen der Organisation wiederholen nahezu wortwörtlich die Äußerungen von Amtsträgern und die Ideologie der Regierungspartei „Georgischer Traum“.
- Gewaltpotenzial: Der Anwalt Boris Kurua ist der Ansicht, dass die Bereitschaft der Mitglieder, „ins Gefängnis zu gehen“, unmittelbar auf ihre Absicht hindeutet, Straftaten zu begehen.
Gibt es Verbindungen zur Regierung oder zu Russland?
Der politische Kommentator Gela Wasadse nennt zwei wesentliche Erklärungen für die Entstehung der Bewegung: den Versuch, „vom Hype zu profitieren“, oder einen konkreten Auftrag. Als Auftraggeber kämen sowohl die georgischen Behörden als auch „Strukturen aus dem Norden“ (aus Russland) infrage, da die Rhetorik zur Verteidigung von Werten gerade von dieser Seite aktiv vorangetrieben wird.
Der Jurist Omar Purzeladse weist darauf hin, dass eine Bewegung, die von regierungsnahen Personen gegründet wurde und sich gegen ideologische Gegner richtet, die Rechtsstaatlichkeit untergräbt. Zugleich bezweifeln Experten, dass eine solche Organisation breite Unterstützung genießt, da ähnliche politische Projekte in Georgien in der Vergangenheit häufig gescheitert sind.
Hintergrund: der konservative Kurswechsel in Tiflis
Das Auftreten der „Nationalen Generation“ erfolgt vor dem Hintergrund der offiziellen Regierungspolitik. Bereits 2024 verabschiedete das georgische Parlament ein Gesetz über „Familienwerte“, das die Europäische Kommission als diskriminierend gegenüber der LGBTQ-Gemeinschaft bezeichnete.
Auch Premierminister Irakli Kobachidse schließt neue gesetzgeberische Maßnahmen zum Schutz der „nationalen Identität“ nicht aus. Somit ergänzt Kartwelischwilis Tätigkeit faktisch das Vorgehen der Regierung auf der Ebene des „Straßenaktivismus“.
In dem Beitrag wurden Fakten verwendet aus dem Artikel bei der Deutschen Welle
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