In letzter Zeit wird in sozialen Netzwerken und den Medien intensiv die These diskutiert, dass heutige Schüler und Jugendliche „die dümmste Generation der gesamten modernen Geschichte“ seien. Solche aufsehenerregenden Behauptungen kommen nicht von ungefähr: Sie stützen sich auf die Ergebnisse internationaler Studien, die einen historischen Rückgang der schulischen Leistungen festgestellt haben. Wissenschaftler und Neurobiologen weisen jedoch darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen biologischen Defekt des Gehirns handelt, sondern um grundlegende Veränderungen im Bildungswesen, die Verbreitung digitaler Geräte und den übermäßigen Rückgriff auf „kognitive Entlastung“.
1. Ergebnisse von PISA-2025: Rekordrückgang bei den Kompetenzen
Die PISA-2025-Studie, an der mehr als 760.000 15-Jährige aus 91 Ländern teilnahmen, verzeichnete die niedrigsten Durchschnittswerte seit Beginn der Erhebungen:
- Lesekrise: In den vergangenen 10 Jahren sank die durchschnittliche Lesekompetenz in den OECD-Ländern um 28 Punkte, was einem Verlust von etwa eineinhalb Schuljahren entspricht.
- Einbruch in Mathematik: Die Mathematikleistungen sanken um 22 Punkte (ein Verlust von etwa einem Schuljahr), wobei sich der Abwärtstrend nach 2018 deutlich beschleunigte.
- Jeder Fünfte verfügt nicht über grundlegende Kompetenzen: Der Anteil der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler, die in allen drei Bereichen (Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften) das Grundniveau nicht erreichen, stieg auf 20% (2022 waren es 16 %).
- Rückgang der Lesekompetenz: Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die „oberflächliches Lesen“ praktizieren (den Text schnell überfliegen und dabei eine falsche Antwort geben), hat sich innerhalb von sieben Jahren nahezu verdoppelt – von 6,6 % auf 11,4 %. Nur 46% der Schülerinnen und Schüler gaben an, die Zuverlässigkeit von Informationsquellen zu überprüfen.
2. Umkehr des Flynn-Effekts und Abkehr vom Auswendiglernen
Während des gesamten 20. Jahrhunderts war weltweit der „Flynn-Effekt“ zu beobachten – ein kontinuierlicher Anstieg des durchschnittlichen IQ um 3 Punkte pro Jahrzehnt. Bei den nach Mitte der 1970er-Jahre geborenen Generationen kehrte sich dieser Trend in den Industrieländern jedoch um: Die IQ-Werte begannen kontinuierlich zu sinken.
Zeitlich fiel dies mit einer Bildungsreform in den westlichen Ländern zusammen: Schulen gingen in großem Umfang vom „mechanischen Auswendiglernen“ (rote memorization) und von Faktenwissen ab und setzten stattdessen auf Konzepte wie „Lernen lernen“ und den Grundsatz „Warum sollte man sich etwas merken, das man im Internet finden kann?“
Wie der Forscher E. D. Hirsch feststellte, entstand ein Bildungsparadox: Die Abwertung von Grundlagenwissen entzog Kindern die Basis für kritisches Denken. Ohne einen Fundus an Fakten im Gedächtnis ist ein Schüler schlichtweg nicht in der Lage, eine Suchanfrage richtig zu formulieren oder die Zuverlässigkeit der gefundenen Informationen zu beurteilen.
3. Kognitive Entlastung und KI: „Metakognitive Trägheit“
Mit der Verbreitung generativer KI verschärfte sich die Situation. Im Durchschnitt 45,5–46% der Schüler in den OECD-Ländern nutzen wöchentlich neuronale Netze zur Erledigung schulischer Aufgaben (Verfassen von Aufsätzen, Zusammenfassen von Texten, Lösen von Aufgaben).
Die Auslagerung von Denkprozessen an externe Hilfsmittel wird in der Psychologie als kognitive Entlastung (cognitive offloading) bezeichnet. Studien zeigen eine gefährliche Nebenwirkung neuronaler Netze:
- Illusion des Lernerfolgs: In einem Experiment mit Schülern verbesserte der Einsatz eines KI-Assistenten (GPT-4) beim Lösen von Mathematikübungen die Ergebnisse um 48%.
- Leistungsabfall beim selbstständigen Arbeiten: Als das neuronale Netz jedoch abgeschaltet wurde, schnitten dieselben Schüler bei der Abschlussprüfung um 17% хуже diejenigen, die auf herkömmliche Weise ohne KI gelernt hatten.
Wissenschaftler erklären dies mit dem Auftreten von „metakognitiver Faulheit“ (metakognitive Faulheit): Der Mensch hört auf, sich kritisch mit dem Stoff auseinanderzusetzen und geistige Anstrengungen zu unternehmen. Statt echtes Wissen aufzubauen, merkt sich das Gehirn lediglich „biologische Wegweiser“ – Informationen darüber, wo und Anleitung das neuronale Netz für ihn denken wird.
4. Neurobiologie: Warum das Gehirn auswendig gelerntes Wissen braucht
Neurobiologische Studien (insbesondere die Arbeiten von Barbara Oakley und ihren Mitautoren) zeigen, warum externe Geräte das menschliche Gedächtnis nicht ersetzen können. Das menschliche Gehirn nutzt zwei Lernsysteme:
- das deklarative Gedächtnis (bewusste Fakten und Begriffe, die auf dem Hippocampus beruhen).
- das prozedurale Gedächtnis (automatische Fertigkeiten, Schemata und Intuition, die auf den Basalganglien beruhen).
Durch kontinuierliches Üben und den Abruf von Informationen aus dem Gedächtnis wird Wissen aus dem deklarativen in das prozedurale System überführt, wodurch stabile Schemata (schemata) und neuronale Mannigfaltigkeiten (neural manifolds) – komprimierte und hocheffiziente Muster neuronaler Aktivität.
Darüber hinaus lernt das Gehirn durch Vorhersagefehler (Vorhersagefehler) und Dopaminausschüttungen, wenn die Realität von den inneren Erwartungen abweicht. Wenn ein Schüler grundlegende Regeln nicht auswendig lernt und Zahlen nur mit dem Taschenrechner oder mithilfe von KI multipliziert, fehlen ihm innere Erwartungen – das Gehirn registriert keine Fehler, und die neuronalen Netzwerke entwickeln sich nicht weiter.
Die Generation Z als „die dümmste“ zu bezeichnen, ist eine wissenschaftliche Vereinfachung. Ihr Gehirn unterscheidet sich biologisch nicht von dem früherer Generationen. Die Bedingungen, unter denen sie aufwächst, führen jedoch zu einer „Atrophie der kognitiven Muskeln“. Die Überfürsorge durch digitale Technologien, der Verzicht der Schulen auf Gedächtnistraining und der häppchenweise Konsum von Inhalten führen dazu, dass das Gehirn ständig im Entlastungsmodus arbeitet.
Um diesen Trend umzukehren, müssen Fachleute und das Bildungssystem das Gleichgewicht wiederherstellen: KI als Tutor zur Überprüfung von Schlussfolgerungen einsetzen, zugleich aber weiterhin auf dem obligatorischen Auswendiglernen grundlegender Fakten und regelmäßiger selbstständiger Arbeit ohne technische Geräte bestehen.
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