Innerhalb wie außerhalb der queeren Community ist das Thema Sex oft von Mythen über grenzenloses und unbeschwertes Vergnügen umgeben. Doch die Realität ist weitaus komplexer und sensibler. Bottoming (die passive Rolle beim Analsex) ist noch immer mit enorm viel Scham und psychischer Anspannung verbunden. Für viele schwule Männer geht diese Erfahrung mit dem Gefühl einher, an Männlichkeit und Kontrolle zu verlieren, sowie mit internalisierter Homophobie. Während über „Tops“ mit Stolz gesprochen wird, gilt es oft als Anlass für Witze oder sogar als Beleidigung, ein „Bottom“ zu sein.
Psychotherapeut, Trainer und Model Darren Dosy Smith (Darren Dosy Smith) hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt.
Aber wir leben doch in einer Zeit sexueller Freiheit. Woher kommt dann überhaupt die Scham rund ums Bottoming?
Diese Scham wurzelt tief in der Heteronormativität und in patriarchalen Vorstellungen, die wir von frühester Kindheit an unbewusst verinnerlichen. Seit Jahrhunderten vermittelt die Gesellschaft ein Modell, in dem der Mann stets der aktive, dominante „Alphamann“ ist, während die Frau die passive, untergeordnete und empfangende Rolle einnimmt.
Wenn ein schwuler Mann die Rolle des Bottoms einnimmt, sieht er sich mit der Angst konfrontiert, weiblich oder „schwach“ zu wirken oder sich in eine untergeordnete Position zu begeben. Daraus entsteht ein tiefer innerer Konflikt: Man hat das Gefühl, mit der Annahme dieser Rolle die eigene Männlichkeit zu verraten. Psychotherapeuten bezeichnen dies als internalisierte Homophobie und Misogynie – gesellschaftliche Vorurteile verwandeln sich dabei in eine eigene harte innere Stimme, die einem vorwirft, „falsch“ zu sein.
Und welchen Einfluss haben Ethnie, Kultur und Gesetze darauf? Ist die Scham für alle gleich?
Nein, Scham lagert sich in mehreren Schichten ab – Forschende bezeichnen dieses Phänomen als Intersektionalität. Für jeden Menschen ist diese Mischung individuell und hängt von zahlreichen Faktoren ab.
Wenn man beispielsweise in einer Kultur aufgewachsen ist, die stark von Religion oder einer kolonialen Vergangenheit geprägt ist (der Psychotherapeut Darren Dosy Smith verweist auf die Folgen des britischen Kolonialismus in ehemaligen Kolonien wie den Ländern der Karibik oder Afrikas), hinterlassen homophobe Gesetze besonders tiefe Spuren. Selbst nach einem Umzug ins liberale Großbritannien trägt man diese Angst und die Schuldgefühle weiter in sich, denn im Herkunftsland kann auf Sex zwischen Männern oder Analsex nicht nur eine Gefängnisstrafe, sondern sogar die Todesstrafe stehen.
Darüber hinaus projiziert die Gesellschaft rassistische Stereotype: Von dunkelhäutigen Männern wird oft erwartet, ausschließlich „Alpha-Tops“ zu sein, während asiatische Männer stereotyp als unterwürfige Bottoms wahrgenommen werden. All das erzeugt enormen Druck und erschwert es dir herauszufinden, was du selbst wirklich willst.
Stimmt es, dass auch das historische Gedächtnis eine Rolle spielt? Was hat die HIV-Epidemie damit zu tun?
Für die älteren Generationen ist dies der wichtigste Faktor, doch seine Nachwirkungen sind auch bei jungen Menschen zu spüren. Menschen, die die Aids-Krise miterlebt haben, tragen ein tiefes kollektives Trauma und die Trauer um verlorene Angehörige in sich. Damals verankerte sich eine verheerende Verknüpfung im gesellschaftlichen Bewusstsein: „Schwuler Sex tötet“.
Und obwohl wir heute im Zeitalter der PrEP (Präexpositionsprophylaxe) leben und Sex sicherer geworden ist, kann diese unbewusste Angst („Wenn ich Bottom bin, werde ich sterben?“) bei Menschen, die jene Zeit erlebt haben, noch immer verhindern, dass sie sich entspannen, und Ängste auslösen. Hinzu kommt, dass junge Menschen, die in einem freieren Umfeld aufgewachsen sind, dieses Trauma oft nicht verstehen, was zur Stigmatisierung der älteren Generation führen kann.
Sprechen wir über die praktische Seite. Warum wird die Vorbereitung auf Sex zur Qual?
Die „Hygieneangst“ ist für Bottoms ein großes und häufig totgeschwiegenes Problem. Da Analsex physiologisch mit einem Ausscheidungsorgan verbunden ist, gilt er in der Gesellschaft als „schmutzig“ und „tabu“. Daraus entsteht die panische Angst, „nicht vollkommen sauber“ zu sein.
Darren Dozy Smith berichtet, dass einige seiner Klienten an dem Tag, an dem sie als Bottom Sex haben wollen, überhaupt nichts essen. Sie nehmen stundenlanges Hungern in Kauf, um eine peinliche Situation vor ihrem Partner zu vermeiden. Doch Sex ist ein natürlicher physiologischer Vorgang, und manchmal passieren eben „Missgeschicke“. Scham und Ekel, die der Partner bei einem solchen Malheur zeigt, können ein tiefes psychisches Trauma verursachen und dein Verlangen nach Sex in Zukunft vollständig blockieren.
Interessante Tatsache: die Branche versucht, dieses Problem technologisch zu lösen. So hat beispielsweise das Unternehmen Polar Labs entwickelt eine spezielle Barrierekugel, die vor dem Sex eingeführt wird und eine Darmspülung überflüssig macht. Die Entwickler haben sogar testeten ihn auf einer speziellen „Fickmaschine“ mit künstlichem Kot unterschiedlicher Konsistenz, um seine Zuverlässigkeit nachzuweisen.
Wie wirkt sich diese Angst körperlich aus? Ist Bottoming immer schmerzhaft?
Analsex sollte nicht schmerzhaft sein, doch Angst kann ihn zur Qual machen. Beim Sex besteht eine enge Verbindung zwischen Geist und Körper (Körper-Geist-Verbindung). Wenn dein Kopf voller Gedanken darüber ist, ob alles sauber ist, wie der Top dich beurteilt und ob dein Körper glatt genug rasiert oder aufgehellt ist, kannst du dich einfach nicht entspannen.
Als Reaktion auf psychisches Unbehagen spannen sich die Bauch- und Beckenbodenmuskeln reflexartig an. Der Versuch, in einen angespannten Körper einzudringen, ist schmerzhaft und traumatisch und kann zu Rissen und Blutungen führen. So entsteht ein Teufelskreis: Die Angst vor Schmerzen führt zu Anspannung -> die Anspannung verursacht Schmerzen -> die Schmerzen verstärken die Angst vor Sex. Am Ende fühlst du dich „mangelhaft“ und unzulänglich, denn „alle um mich herum haben tollen Sex, nur ich kann es nicht“.
Aber auf Instagram und in den Apps sieht doch alles perfekt aus! Lügen etwa alle?
Wir sind von dem durch Kultur und Medien geschaffenen Mythos umgeben, dass Schwule rund um die Uhr und unter allen Umständen atemberaubenden, lebensverändernden Sex haben. Die sozialen Netzwerke sind voll von perfekten „Adonissen“ (zum Beispiel auf Atlantis-Kreuzfahrten), was ein massives FOMO-Gefühl (die Angst, etwas zu verpassen) auslöst. Hinzu kommt, dass die Pornoindustrie unrealistische Standards vorgibt: riesige Penisse und stundenlanger Sex ohne Schmerzen oder Vorbereitung.
In Wirklichkeit sind die Menschen von der Arbeit erschöpft, werden krank und machen sich Sorgen um ihr Aussehen. Für manche ist endloser Sex kein reines Vergnügen, sondern ein Mittel, um psychische Traumata, Gewalterfahrungen, Zurückweisung oder Einsamkeit zu verdrängen.
„Wer oben ist, hat das Sagen.“ Haben Tops wirklich die ganze Macht?
Das ist der größte Irrglaube, den uns die heteronormative Hierarchie vermittelt. Die Gesellschaft geht davon aus, dass der aktive Partner („Alpha-Top“) dominiert und alle Fäden in der Hand hält. Psychologisch gesehen ist es jedoch genau umgekehrt: Der Bottom (der submissive Partner) besitzt im Bett die eigentliche Macht.
Der Top spielt lediglich die Rolle, die der Bottom ihm zugesteht. Der Bottom kann jederzeit „Stopp“ sagen, ihm die gewährte Macht wieder entziehen und den Vorgang beenden. Mehr noch: Meist gibt gerade der Bottom vor, was geschieht – Sex findet dann statt, wenn er körperlich und psychisch dazu bereit ist. Bottoming erfordert enormes Vertrauen, denn du lässt einen anderen Menschen in deinen Körper eindringen – und das ist eine Position großer Stärke, nicht der Schwäche.
Und was, wenn meine Rolle im Bett im Widerspruch zu meinem Beruf oder Lebensstil steht?
Das ist ein klassisches Beispiel für toxische Scham. Stell dir folgende Situation vor: Du bist eine Führungskraft im Finanzsektor, leitest wichtige Besprechungen, triffst harte Entscheidungen und musst Autorität ausstrahlen. Doch im Bett träumst du davon, ein vollkommen submissiver Bottom zu sein. Viele Menschen trauen sich nicht, ihre Wünsche auszuleben, weil sie befürchten, ihr Partner könnte sie für „schwach“ halten oder dies könnte sich irgendwie auf ihren tatsächlichen Status auswirken.
Psychotherapeuten erinnern jedoch daran: Authentisch zu sein bedeutet nicht, dass du in allen Lebensbereichen gleich sein musst. Es ist völlig normal, bei der Arbeit, im Freundeskreis und im Schlafzimmer unterschiedliche „Masken“ zu tragen. Entscheidend ist, einen sicheren Raum und einen Partner zu finden, dem du vertraust, damit du vorübergehend die Kontrolle abgeben und deine Verletzlichkeit genießen kannst. Wie einer der Gesprächspartner des Podcast-Hosts John Dean sagte: „Nichts ist maskuliner als Sex zwischen zwei Männern, der voller Testosteron steckt.“
Apps verlangen schnelle Antworten: „Was magst du?“ Aber was, wenn ich es nicht weiß oder unterschiedliche Dinge möchte?
Die Sexkultur in Dating-Apps hat uns an transaktionalen Sex gewöhnt, bei dem die Partner ihre Rollen („Top“ oder „Bottom“) sofort festlegen müssen. Doch Sexualität ist fließend. Du kannst im Laufe deines Lebens verschiedene Phasen durchlaufen: In einer Phase gefällt dir das eine, in einer anderen etwas anderes, und manchmal möchtest du überhaupt keine Penetration.
Der Zwang zu einer starren Kategorisierung nimmt uns die Möglichkeit, uns selbst zu erkunden. In einem transaktionalen Umfeld ist es sehr schwer, Verletzlichkeit zu zeigen und zu sagen: „Du, ich habe Bottoming erst ein paarmal ausprobiert. Es hat wehgetan, und ich habe Angst. Lass es uns langsam angehen, mit Küssen und Zärtlichkeiten.“ Für ein solches Eingeständnis braucht es Mut, Vertrauen und einen Partner, der nicht egoistisch ist.
Muss man überhaupt ineinander eindringen, damit es als „echter Sex“ gilt?
Absolut nicht. Wir sind es gewohnt, Sex sehr eng zu definieren – ausschließlich als Penetration. Doch Sex ist viel mehr als das. Küssen, gegenseitige Masturbation, Oralsex, Kuscheln auf dem Sofa – all das ist vollwertiger, legitimer Sex, der unglaubliche Lust und emotionale Erfüllung schenken kann.
Wenn du heute keine Lust oder keine Kraft für Bottoming hast, bedeutet das nicht, dass Sex ausfallen muss oder dass du „versagt“ hast. Und wenn du grundsätzlich nicht möchtest, dass sich etwas in deinem Anus befindet, ist auch das vollkommen in Ordnung. Deine Grenzen und dein Wohlbefinden sind immer wichtiger als die Erwartungen anderer.
Was kannst du tun, wenn nach dem Sex ein seltsames Schuldgefühl zurückbleibt?
Das kommt häufig vor, besonders bei transaktionalem, schnellem Sex. Wenn sich der aktive Partner direkt nach dem Orgasmus anzieht und seinen Angelegenheiten nachgeht, kann beim empfangenden Partner ein bedrückendes Gefühl von Leere und Schuld zurückbleiben.
Physiologisch gesehen ist Bottoming ein tief invasiver Vorgang, der noch Stunden oder sogar Tage später körperlich spürbar sein kann. War der Sex mit psychischer Anspannung verbunden, kann sich dieses Gefühl des „Eindringens“ in Scham verwandeln.
In solchen Fällen ist die Nachsorge (Aftercare) besonders wichtig. Das können Umarmungen mit dem Partner, gemeinsame Entspannung oder – wenn du allein bist – ein warmes Bad, ein Buch, Musik und Selbstfürsorge sein. Das hilft, den Hormonhaushalt zu stabilisieren und das Gefühl von Sicherheit wiederherzustellen.
Wie kannst du eine psychische Blockade überwinden und wieder Lust empfinden?
Der Psychotherapeut Darren Dozi Smith empfiehlt einige konkrete Techniken:
- Nimm deine Gedanken bewusst wahr und akzeptiere sie. Deine Scham und Angst sind nicht aus dem Nichts entstanden – sie wurden dir von der Gesellschaft vermittelt. Lass diese Gedanken zu, aber denke daran, dass sie nicht die Realität widerspiegeln und deinen Wert nicht bestimmen.
- Erkunde dich selbst (Body Mapping). Bevor du Sex mit einem Partner hast, erkunde deinen Körper in einer sicheren Umgebung und ganz ohne Druck. Benutze deine Finger, einen Dildo und ein hochwertiges Gleitmittel. Lerne zu erkennen, welche Empfindungen sich für dich angenehm anfühlen und welche nicht.
- Lerne, dich zu entspannen. Nutze psychosexuelle Atemtechniken. Versuche nicht, Schmerzen auszuhalten. Wenn etwas nicht stimmt, gib dir nicht die Schuld und lege eine Pause ein.
- Setze auf Sicherheit und Vertrauen. Versuche, neue Rollen mit Menschen zu erkunden, denen du vertraust. Besprecht Vereinbarungen und Grenzen im Voraus.
- Hab keine Angst, um Hilfe zu bitten. Wenn du traumatische Erfahrungen gemacht hast, scheue dich nicht, dich an eine verständnisvolle psychotherapeutische Fachkraft zu wenden oder die Angebote einschlägiger Organisationen (zum Beispiel LGBT Hero) zu nutzen.
Der Artikel wurde auf Grundlage von Materialien von Oakpath Therapy (oakpath.co.uk) erstellt.
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