Noch vor einigen Jahren kannte das Grooming für Männer nur eine Richtung: Je weniger Körperbehaarung, desto besser. Inzwischen kehrt sich der Trend um – allerdings nicht vollständig. An die Stelle der kompletten Enthaarung tritt ein hybrider Look: dichte Brustbehaarung bei einem vollkommen glatten, rasierten oder laserenthaarten Bauch. Das ist kein Verzicht auf Körperpflege, sondern ihre neue, selektivere Form – und sie hat die sozialen Netzwerke bereits in zwei Lager gespalten.
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Gesprächsstoff
Ein anschauliches Beispiel für diesen Trend ist der französische Schauspieler, Regisseur und Content Creator Paul Lefèvre. Der 38-jährige Lefèvre hat sich mit seinen geheimnisvollen, stilisierten Fotografien längst eine Fangemeinde aufgebaut – meist sind sie nachdenklich inszeniert und in Farbgebung und Komposition sorgfältig durchdacht. Doch einer seiner jüngsten Instagram-Posts erregte nicht wegen der Ästhetik der Aufnahme Aufmerksamkeit, sondern wegen seines Körpers: eine behaarte Brust und vollkommen glatte Bauchmuskeln.

Die Reaktionen auf Instagram waren nahezu einhellig begeistert – die Follower hinterließen Kommentare, in denen sie ihre Bewunderung für den Look ausdrückten. Auf der Plattform X (ehemals Twitter) hingegen nahm die Diskussion einen deutlich kontroverseren Verlauf: Einige Nutzer gaben zu, dass ihnen die Kombination gefiel und sie darüber nachdachten, sie selbst auszuprobieren; andere begegneten der Kombination aus Körperbehaarung und rasierter Haut mit Skepsis.
Ein solcher Look ist kein Einzelfall, sondern Teil eines umfassenderen Wandels: Junge schwule Männer orientieren sich zunehmend an der Ästhetik der „Castro-Klone“ der 1970er-Jahre – kernig, natürlich und mit deutlich sichtbarer Körperbehaarung. Lefèvres Schnurrbart sowie seine behaarten Beine und seine behaarte Brust passen perfekt zu diesem Look.
Woher der Trend kommt
Der Trend zur vollständigen Enthaarung des männlichen Körpers in der Popkultur entstand aus der Ästhetik der 1990er- und 2000er-Jahre – aus Hochglanzmagazinen, Werbekampagnen für Unterwäsche und der Kultur der Fitness-Influencer, in der ein glatter, nahezu „polierter“, vollkommen haarloser Körper zum Ideal wurde. Das erforderte kontinuierliche Pflege: Waxing, Rasieren und später Laser-Haarentfernung.
Die Rückkehr zur „Natürlichkeit“ in den vergangenen Jahren ist eine Reaktion auf mehrere Entwicklungen zugleich. Erstens auf die Erschöpfung angesichts einer Schönheitsindustrie, deren Standards ständig Zeit und Geld kosten. Zweitens auf die allgemeine Retro-Welle: Das Interesse an der Ästhetik der 1970er-Jahre zeigt sich nicht nur beim Grooming, sondern auch in Mode, Musik und Innendesign. Drittens spielt die symbolische Bedeutung von Körperbehaarung in der queeren Kultur eine Rolle – starke Behaarung wurde lange mit einer kernigen „Bären“-Ästhetik (bear) assoziiert und als Zeichen von Männlichkeit wahrgenommen, das über Jahre hinweg vom Hochglanzideal verdrängt worden war.
Bezeichnend ist, dass sich die Leser des englischsprachigen Schwulenmagazins Queerty bereits Anfang dieses Jahres zu Körperbehaarung im Allgemeinen äußerten – und eine überwältigende Mehrheit sprach sich dafür aus, sie nicht zu bekämpfen, sondern einfach so zu lassen, wie sie ist.

Warum gerade dieser Kompromiss
Ganz auf die Haarentfernung zu verzichten, ist ein Schritt, zu dem sich nicht jeder entschließt: Bauchbehaarung empfinden viele Männer nach wie vor eher als unangenehm denn als ästhetisch.
Der kombinierte Ansatz – die Brust behaart zu lassen und den Bauch zu enthaaren – erzeugt gleich zwei visuelle Effekte. Brustbehaarung wirkt wie ein Zeichen von Natürlichkeit und kerniger Männlichkeit, ein glatter Bauch hingegen wie das Ergebnis von Körperarbeit, Athletik und Kontrolle. Im Grunde ist dies ein visueller Kompromiss zwischen zwei gegensätzlichen Idealen der vergangenen dreißig Jahre: dem „wilden“ und dem „polierten“.
Aus praktischer Sicht ist es auch eine Frage des Pflegeaufwands: Die Haare nur an einer relativ kleinen Stelle am Bauch zu entfernen, ist wesentlich weniger aufwendig und schmerzhaft als den gesamten Oberkörper vollständig zu enthaaren. Zudem hält das Ergebnis deutlich länger als bei einer regelmäßigen Rasur der ganzen Brust.
Umstrittenes Terrain
Nicht alle finden diesen Mittelweg überzeugend. Ein Teil des Publikums empfindet die scharfe Grenze zwischen „behaarten“ und „glatten“ Körperpartien als optisch unnatürlich – ein Trend also, der zwar als Absage an Künstlichkeit inszeniert wird, tatsächlich aber das Ergebnis gezielter, lediglich selektiver Körperpflege bleibt. Genau das veranschaulichen die Kontroversen um Lefevres Beitrag auf X: An diesem Punkt schieden sich die Geister.
Eine ähnliche Geschichte spielte sich kürzlich auch rund um das Cover des Magazins Playgirl ab, auf dem ein Model mit behaarter Brust ebenfalls eine heftige Debatte auslöste – ein weiterer Beleg dafür, dass das Thema keineswegs nur lokal relevant ist und sich nicht auf einen einzelnen Influencer beschränkt.
Was kommt als Nächstes
Wie jeder Trend, der auf selektiver Körperpflege beruht, dürfte auch dieser Kompromiss kaum zum allgemeingültigen Standard werden – dafür gibt es zu viele Variablen: die Art der Körperbehaarung, persönliche Vorlieben und die individuelle Schmerzgrenze bei der Haarentfernung. Als kulturelles Symptom ist er jedoch aufschlussreich: Bei der Debatte über die „richtige“ Menge an Haaren auf dem männlichen Körper geht es letztlich um die umfassendere Frage, was heute als attraktiv und „authentisch“ gilt – und was als künstlich konstruiertes Ideal.
Während die Schönheitsindustrie nach einem neuen Gleichgewicht zwischen „Natürlichkeit“ und einem gepflegten Erscheinungsbild sucht, wirken Geschichten wie die um Lefevre besser als jede Werbekampagne: Sie zeigen eine lebendige, kontroverse, aber unverkennbar menschliche Reaktion auf den Versuch, Unvereinbares miteinander zu verbinden.
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