Der hochgestellte Polokragen ist eines der bekanntesten und zugleich umstrittensten Details in der Geschichte der modernen Mode. In den 1980er-Jahren galt er als Erkennungszeichen wohlhabender Studierender an renommierten US-Colleges, in den 2000ern trugen ihn Kanye West und die Figuren aus „Gossip Girl“, und in den 2010er-Jahren wurde er zum ultimativen Stilklischee und Gegenstand des Spotts. Doch 2025–2026 kehrten hochgestellte Kragen überraschend auf die Laufstege von Gucci, Dior, Jil Sander, Miu Miu und Hermès sowie in die Garderoben von Harry Styles und Colman Domingo zurück. Wir zeichnen die Geschichte eines Kleidungsdetails nach, das sich vom Sonnenschutz zum Symbol der Elite entwickelte, verschwand und schließlich in völlig neuer Form wiederauferstand.
Inhaltsverzeichnis
Was ist passiert?
Anleitungschreibt Heute.at zufolge war einer der ersten Hinweise auf die Rückkehr des Trends ein Look des für seine Modeexperimente bekannten britischen Sängers Harry Styles. Das Foto verbreitete sich sofort in den sozialen Netzwerken, und Vogue reagierte mit einem eigenen Artikel, in dem das Magazin die Frage stellte, ob damit das größte Modetabu des vergangenen Jahrzehnts zurückkehre.
Im März 2025 zeigte sich der britische Sänger Harry Styles in den Straßen Londons in einem rosafarbenen Poloshirt mit hochgestelltem Kragen. Vogue widmete dem damals sogar einen eigenen Material, in dem das Magazin die Frage stellte, ob hochgestellte Kragen wieder in Mode kommen.
Schon bald wurde klar, dass Styles’ Auftritt kein Zufall gewesen war. Bei den Präsentationen der Kollektionen für 2026 und 2027 zeigten rund zehn führende Marken hochgestellte und seitlich verschobene Kragen: Auralee, Jil Sander, Dior, Gucci, Miu Miu, Tommy Hilfiger, Hermès, Dunhill, Wales Bonner und Aimé Leon Dore.
Bei der Präsentation der Frühjahr-/Sommerkollektion 2027 von Gucci schickte Kreativdirektor Demna Gvasalia das Model Elsa Hosk in einem gestreiften Top mit steifem, weißem Stehkragen über den Laufsteg. Die bekannte Modeanalystin Mandy Lee (bekannt unter dem Namen OldLoserInBrooklyn) kommentierte dieses Comeback mit dem ironischen Satz: „Das Böse stirbt nicht, Demna erfindet es neu“. Die Modebranche, die die Ästhetik der Nullerjahre noch vor Kurzem gemieden hatte, verkündete nun offiziell die Rückkehr des „Snob-Stils“ und der Yuppie-Ästhetik.
Vom Sonnenschutz bis zur Ivy League: Woher kommt dieser Trend eigentlich?
Ursprünglich hatte der hochgestellte Kragen nichts mit Haute Couture zu tun, sondern erfüllte eine rein praktische Funktion:
19. Jahrhundert: Die steifen, gestärkten Kragen von Herrenhemden und Mänteln wurden zum Schutz vor Wind und Sonnenbrand hochgestellt. Ein abnehmbarer Kragen galt damals in der Herrengarderobe als Statussymbol.
1929: Der französische Tennisspieler und siebenfache Grand-Slam-Sieger René Lacoste entwarf ein Strickhemd aus Baumwollpiqué. Es hatte eine lockere Passform und einen weichen Umlegekragen, der beim Spiel auf dem Platz eigens hochgestellt wurde, um den Nacken vor der brennenden Sonne zu schützen. Schon bald hielt dieses Modell Einzug in den Golf- und Polosport sowie in die Alltagsgarderobe.
Die 1950er-Jahre: Hochgestellte Kragen an Lederjacken wurden durch die Filmikonen Marlon Brando und James Dean zum Teil eines rebellischen Stils und verliehen diesem Element einen Hauch verwegener Männlichkeit.
Der entscheidende Wandel in der Wahrnehmung des Kragens erfolgte 1980 mit der Veröffentlichung von Lisa Birnbachs Buch The Official Preppy Handbook („Das offizielle Preppy-Handbuch“). Die Autorin beschrieb den hochgestellten Polokragen nicht als sportliches Element, sondern als zentrales Erkennungsmerkmal des Preppy-Stils – der Garderobe von Studierenden elitärer Ivy-League-Colleges und Angehörigen der Oberschicht. In Großbritannien griff die aristokratische Subkultur der Sloane Rangers eine ähnliche Ästhetik auf. Poloshirts mit den Logos von Marken wie Lacoste, Brooks Brothers und Ralph Lauren wurden zur Uniform der privilegierten Jugend.
Die 2000er: Kanye West, „Gossip Girl“ und der Lagenlook-Boom
Um die Jahrtausendwende überschritt der Preppy-Stil die Grenzen von Privatschulen und wurde zum globalen Mainstream. Anfang der 2000er-Jahre war Kanye West einer der wichtigsten Trendsetter für hochgestellte Kragen. Zur Zeit seines Debütalbums The College Dropout trat der Rapper regelmäßig in leuchtenden Poloshirts, College-Blazern und Pullovern auf und trug den Kragen dabei stets hochgestellt.
Gleichzeitig machten die Massenmarktmarken Abercrombie & Fitch, Hollister und American Eagle die Ästhetik amerikanischer Colleges für jeden Besucher eines Einkaufszentrums zugänglich. Ein typisches Stilmittel der Y2K-Ära entstand: übereinander getragene Poloshirts (Layered Polos), bei denen mehrere Oberteile in Kontrast- oder Pastellfarben miteinander kombiniert und sämtliche Kragen hochgestellt wurden.
In der Popkultur wurde dieser Look durch Figuren aus Kultmedien verewigt: Chuck Bass, gespielt von Ed Westwick, in der ersten Staffel von „Gossip Girl“, Megan Fox im Film „Jennifer’s Body“ sowie der beliebte Song „Poppin’ My Collar“ von Three 6 Mafia aus dem Jahr 2005. Ende der 2000er trugen alle den hochgestellten Kragen – von Mitgliedern studentischer Verbindungen bis hin zu Reality-TV-Stars wie Pauly D aus „Jersey Shore“.
Wie wurde dieses Detail zur größten Modesünde?
Gerade seine inflationäre Verbreitung und übertriebene Akkuratesse brachten diesen Trend zu Fall. Anfang der 2010er galt der perfekt gestärkte, kerzengerade hochstehende Kragen nicht mehr als Ausdruck von Geschmack oder Zugehörigkeit zur Elite, sondern als Symbol für modische Übertreibung, Künstlichkeit und Realitätsferne.
Hochgestellte Kragen wurden zum Gegenstand von Witzen und mit konservativen Golfclubbesuchern assoziiert. Die Mode der 2010er wandte sich dem Minimalismus zu, auf der Straße dominierten Oversize-Silhouetten und Grunge, und der hochgestellte Kragen verschwand für fast 15 Jahre in der hintersten Ecke der Modegeschichte.
Was hat sich 2025–2026 verändert? Der entscheidende Unterschied des neuen Trends
Die Rückkehr des hochgestellten Kragens ist keine blinde Kopie der Mode von vor 20 Jahren. Der entscheidende Unterschied liegt im Styling und in der dahinterstehenden Philosophie:
- Von perfekter Akkuratesse zu gewollter Nachlässigkeit: In den 2000ern sollte der Kragen möglichst hoch, steif und gerade stehen. 2025–2026 befreiten Designer dieses Detail von seiner demonstrativen Akkuratesse. Der moderne hochgestellte Kragen wirkt bewusst nachlässig: Eine Seite kann aufgestellt bleiben, während die andere herunterfällt; er darf leicht zerknittert sein oder ungleichmäßig stehen. An die Stelle strenger Statusdemonstration ist ironische Lässigkeit getreten.
- Erweiterung des Kontexts:
– Jil Sander (Осень/Зима 2026/27): Kreativdirektor Matteo Bellotti versetzte die Kragen von Sakkos und Mänteln leicht nach hinten und schuf so eine asymmetrische Silhouette mit einem Hauch von sanftem Widerstand.
– Dior, Hermès, Dunhill и Sacai: Sie setzten den hochgestellten Kragen nicht nur bei Poloshirts ein, sondern auch bei Lederjacken, klassischen Hemden und Mänteln im Yuppie-Stil („junge urbane Berufstätige“).
– Miu Miu и Tommy Hilfiger: Sie kombinierten den Preppy-Stil vergangener Jahrzehnte mit lockeren Proportionen und modernem Layering.
Wie trägt man heute ein Poloshirt mit hochgestelltem Kragen? Praktische Tipps
Experten und Designer sind sich einig: Wer 2026 stilvoll aussehen möchte, darf vor allem nicht erkennen lassen, dass er sich Mühe gegeben hat.
- Vergessen Sie perfekte Symmetrie. Wenn Sie ein Poloshirt mit einem festen Kragen aus Piqué haben, stellen Sie ihn einfach mit den Fingern hoch und versuchen Sie nicht, ihn perfekt glatt zu streichen. Ein leicht nachlässiger Look ist entscheidend.
- Kombinieren Sie dazu kontrastierende Kleidungsstücke. Poloshirts mit hochgestelltem Kragen werden heute nicht mehr zu klassischen Chinos getragen, sondern zu locker geschnittenen Jeans, Midiröcken oder Cargoshorts.
- Setzen Sie auf Layering. Ein toller moderner Styling-Trick: Tragen Sie unter einer Lederjacke oder einem Blazer ein klassisches weißes Hemd mit hochgestelltem Kragen oder kombinieren Sie zwei Hemden mit unterschiedlich langen Kragen.
- Shoppen ist nicht nötig. Das Beste an diesem wiedergekehrten Trend ist, dass man dafür nichts Neues kaufen muss: Es genügt, das alte Poloshirt mit festem Kragen aus dem Schrank zu holen und den Kragen hochzustellen.
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