Dies ist ein Beitrag von Current Time
In den vergangenen vier Jahren stellten Russinnen und Russen in Argentinien die größte Gruppe der Asylsuchenden. Laut gegeben Nach Angaben der Co.Na.Re. (Nationalen Kommission für Flüchtlingsangelegenheiten) entfallen 55% aller Fälle auf russische Staatsangehörige. Von Januar 2022 bis Dezember 2025 gingen insgesamt 3213 Anträge von russischen Staatsangehörigen ein. Die Kommission veröffentlicht keine nach Ländern aufgeschlüsselten Zahlen zu positiven Entscheidungen. Der Gesamtstatistik zufolge wird jedoch mehr als 50% der Antragstellenden nach einer Wartezeit, die mehrere Jahre dauern kann, der Flüchtlingsstatus zuerkannt. Die Mehrheit der russischen Staatsangehörigen, die diesen Status erhielten, sind – Angehörige der LGBTQ+-Community. Dass Ablehnungen bei queeren Fällen durch die Co.Na.Re. äußerst selten vorkommen, bestätigten Current Time beim „Argentinischen LGBT+-Verband“ (Federación Argentina LGBT+).
Statistiken für das Jahr 2026 wurden bislang nicht veröffentlicht. Die Juristin Anastassija Domini, die in Buenos Aires russischsprachige Migranten und Geflüchtete betreut und außerdem für sie eine Selbsthilfegruppe beim „Argentinischen LGBT+-Verband“ berichtete Current Time, dass der Zustrom queerer Menschen aus Russland nach Argentinien in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 nach einer gewissen Flaute wieder zunahm. Zur Emigration entschließen sich nun diejenigen, die bis zuletzt gezögert haben.
Dimas zwei Mütter
Die beiden Lesben Margarita und Elena gehören zu den zahlreichen queeren Geflüchteten aus Russland in Argentinien. Sie sind seit fast zwanzig Jahren zusammen. Gemeinsam mit ihrem zweijährigen Sohn Dima kamen Margarita und Elena am 9. Dezember 2022 in Buenos Aires an – vier Tage nachdem Putin ein Gesetz unterzeichnet hatte, das alles vollständig verbietet, was die russischen Behörden als „LGBT-Propaganda“ bezeichnen.
„Ich hatte Panikattacken. Ich wachte nachts mit dem Gedanken auf, dass Lena per Einberufungsbescheid als Ärztin [in den Krieg] geschickt und uns der Sohn weggenommen werden würde. Nach den russischen Dokumenten bin ich für Dima schließlich niemand, nur irgendeine fremde Frau“, – erinnert sich Margarita.
Ihren Beobachtungen zufolge begann sich die ohnehin homophobe russische Gesellschaft mit Beginn des groß angelegten Krieges gegen die Ukraine rasant zu radikalisieren: „Auf Spielplätzen kamen Leute auf mich zu und fragten, in welcher Beziehung ich zu dem Kind stünde, wenn es doch schon eine andere Mutter habe. Wenn wir zu zweit mit dem Kinderwagen unterwegs waren, riefen Großmütter ihre Enkel zu sich, flüsterten ihnen etwas ins Ohr, woraufhin sie zu Lena und mir liefen und fragten, welche von uns die Mutter sei. Dima hat schöne lockige Haare. Wir ließen sie lange wachsen. Und plötzlich nannten ihn alle Kinder auf dem Spielplatz ein Mädchen – sicherlich nicht ohne Zutun ihrer Eltern. Ich erklärte hundertmal, dass er ein Junge ist – vergeblich. Mir standen vor Entsetzen die Haare zu Berge.“
Ende September 2022 erhielt Elena, die von Beruf Chirurgin ist, tatsächlich einen Einberufungsbescheid des Kreiswehrersatzamts. Die Familie lebte damals in einer Mietwohnung in einer Großstadt im europäischen Teil Russlands. Margarita kümmerte sich um das Kind, Elena arbeitete in einem Krankenhaus. Ihr gesamtes Geld steckten sie in den Bau eines Hauses, das sie mit einer Hypothek finanziert hatten. „Ich ging nicht zum Kreiswehrersatzamt. Ich hatte Angst, dass man mich nicht mehr gehen lassen würde. Ich hatte von Fälle, dass sogar alleinerziehende Mütter eingezogen wurden“, erzählt Elena.
Innerhalb eines Monats verkaufte das Paar alles, was es verkaufen konnte: das Auto, die Fahrräder und persönliche Gegenstände. Sie boten das fast fertiggestellte Haus zum Verkauf an und flogen Ende Oktober 2022 über Belarus in die Türkei – begleitet von den Verwünschungen ihrer Verwandten. Diese bezeichneten Margarita und Elena als „Verräterinnen am Vaterland“. Die Entscheidung auszuwandern stieß bei den Familien der beiden Lesben auf ebenso heftige Ablehnung wie ihre sexuelle Orientierung und ihre Liebesbeziehung.
Margarita und Elena stammen aus einer kleinen Stadt im Norden Russlands. Sie lernten sich in der Schule kennen und wurden schnell beste Freundinnen. Nach dem Schulabschluss blieben sie auch über die Entfernung hinweg in engem Kontakt. „Wir haben uns bestimmt eine Million Briefe geschrieben. Wir haben den Kontakt nie verloren“, erinnert sich Margarita, die nach der Schule für ein Jahr als Austauschschülerin nach Deutschland ging. Elena begann in einer anderen Stadt Medizin zu studieren. Beide jungen Frauen hatten zu jener Zeit bereits längere Beziehungen mit Männern geführt.

Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland wechselte Margarita ins Fernstudium und zog in die Stadt, in der Elena studierte. Dort zog sie zu Elena ins Studentenwohnheim. „Anfangs lebten wir zu viert in einem Zimmer, später waren Margarita und ich dort nur noch zu zweit. In diesem Moment erkannten wir, dass wir eigentlich gar keine Freundinnen waren. Und das schon seit sehr langer Zeit. Doch uns, Mädchen aus konservativen Familien, war das zuvor einfach nicht bewusst geworden. Aus unserer vertrauten emotionalen Nähe wurde auch körperliche Nähe. Das war alles“, erzählt Elena. Ihre Beziehung hielten sie vor allen geheim. Nach dem Hochschulabschluss war es an der Zeit, in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Auf Elena wartete die Facharztausbildung.
Die folgenden Jahre bezeichnen die beiden Frauen als „Hölle“. Die Kontrolle durch ihre Eltern war allumfassend: „Man hat dich Hand in Hand mit einer Frau gesehen. Verstehst du, dass ich mich vor meinen Bekannten schäme? Übernachtest du zu Hause? Soll ich dich nach Hause begleiten? Warum ist bei dir kein Licht an? Ich bin gerade zufällig in deiner Gegend unterwegs. Machst du die Tür auf? Wann heiratest du endlich? Und was ist mit Kindern? Es wird langsam Zeit.“ Die beiden Verliebten trafen sich heimlich und nachts. Nur Margaritas bester Freund wusste von ihrer Beziehung.
Nachdem Elena ihre Facharztausbildung abgeschlossen und die nach dem Studium vorgeschriebene Arbeitszeit abgeleistet hatte, konnte das Paar endlich in eine andere russische Region ziehen. Sie wollten sich nicht länger verstecken und einfach zusammenleben. Doch schon bald kauften Margaritas Eltern ein Haus in derselben Stadt. Ihre Mutter verlangte von ihr zu erklären, in welcher Beziehung sie zu Elena stand. Margarita antwortete, sie seien eine Familie. „Sie verfluchte mich. Sie sagte, sie wünschte, sie hätte mich nie geboren. Sie wollte, dass ich die Einzimmerwohnung verkaufe, die sie und mein Vater mir gekauft hatten, und ihnen das Geld gebe. Genau das tat ich. Danach sprach meine Mutter drei Jahre lang nicht mit mir“, erinnert sich Margarita.
Auch am Arbeitsplatz bekamen die Frauen wegen ihrer sexuellen Orientierung Probleme. Im Krankenhaus schikanierte der Chefarzt Elena ständig. Wie sich später herausstellte, hatte er den Kontakt zu seiner eigenen Tochter abgebrochen, weil sie lesbisch war, und behandelte Untergebene schlecht, wenn er sie für queer hielt. Margarita musste ihre leitende Stelle in einem Geschäft aufgeben. Die Geschäftsführung zwang sie dazu, nachdem eine Kollegin sie geoutet hatte.
Erst ein Jahr vor dem Krebstod ihrer Mutter versöhnte sich Margarita wieder mit ihr. Zu diesem Zeitpunkt erwartete das Paar gerade seinen Sohn Dima. 2019 gelang es Elena beim fünften IVF-Versuch, schwanger zu werden. Der Weg dorthin hatte vier Jahre gedauert: „Ich versuchte, einen staatlich finanzierten Behandlungsplatz zu bekommen, um wenigstens einen Teil der Kosten des Verfahrens abzudecken. Ich ging hin und erklärte, dass ich Ärztin, gesund und alleinstehend sei. Ich wollte eine IVF durchführen lassen. Warum wollen Sie eine IVF? Sind Sie vielleicht lesbisch? Wie wollen Sie dem Kind später erklären, woher es kommt? Eine Kollegin warf mir vor, wir würden versuchen, denjenigen einen Platz wegzunehmen, die eine IVF angeblich dringender brauchten.“
Heute ist Dima sechs Jahre alt und besucht die erste Klasse einer argentinischen Schule. Margarita und Elena heirateten im März 2023 in Buenos Aires, und im Dezember 2024 wurde ihnen als Angehörigen der LGBT-Community der Flüchtlingsstatus zuerkannt. Margarita bereitet sich nun darauf vor, Dima offiziell zu adoptieren, damit in allen Dokumenten des Jungen unter „Eltern“ wie von ihr und Elena von Anfang an gewünscht die Namen seiner beiden Mütter stehen.
Vom Interview bei Co.Na.Re. bis zur Anerkennung als Geflüchtete und zum Erhalt der Aufenthaltserlaubnis vergingen eineinhalb Jahre. Heute lebt die Familie in Buenos Aires. Dimas Mütter haben bereits die argentinische Staatsbürgerschaft beantragt; er selbst kann dies erst tun, wenn er volljährig ist. Die Frauen räumen ein, dass sie sich trotz aller Schwierigkeiten der Emigration in ihrem neuen Land wesentlich wohler fühlen als in ihrer Heimat. Sie leben offen und müssen vor niemandem etwas verbergen. In Argentinien gibt es keine finanzielle Unterstützung für Geflüchtete. Die Russinnen arbeiten im Homeoffice. Als sie ihren Sohn in einem staatlichen Kindergarten und in der Schule anmeldeten, gaben sie in den Unterlagen an, dass er zwei Mütter hat – und stießen dabei auf keinerlei Unverständnis.
Argentinien legalisierte bereits 2010 als erstes Land Lateinamerikas die gleichgeschlechtliche Ehe. Gleichgeschlechtliche Paare können hier Kinder bekommen und adoptieren. Geschlechtsangleichungen sind im Land erlaubt. Buenos Aires wiederholt rief zu einer der LGBTQ+-freundlichsten Städte Lateinamerikas. In der argentinischen Hauptstadt gibt es sogar U-Bahn-Station, die nach Carlos Jáuregui benannt ist, einem offen schwulen Aktivisten für die Rechte von LGBTQ-Personen. Nachdem in Russland zunächst geschlechtsangleichende Maßnahmen gesetzlich verboten worden waren und der Oberste Gerichtshof im November 2023 die „internationale LGBT-Bewegung“ als „extremistisch“ eingestuft hatte, wurde ausgerechnet Argentinien zu einem der wichtigsten Ziele für queere Emigration.
„Zuerst war da Euphorie, und dann habe ich mehrere Wochen lang nur geweint.“ Achra
„Bei Co.Na.Re. (der Nationalen Flüchtlingskommission) stellte man mir sehr persönliche und detaillierte Fragen, ging dabei aber äußerst taktvoll und freundlich vor. Man fragte mich, wie und wann mir bewusst wurde, dass ich schwul bin. Auch nach meiner ersten sexuellen Erfahrung. Ich erzählte, wie ich bedroht und verfolgt worden war. Die mir vom Staat zur Seite gestellte Anwältin weinte während meines zweistündigen Gesprächs“, erinnert sich Achra, ein Abchase, der zwölf Jahre in Russland gelebt hat.
Er kam Ende der 2000er-Jahre direkt nach der Schule aus Abchasien nach Moskau. „Ich habe in verschiedenen Versionen Moskaus gelebt. Die Stadt hat sich verändert. Und zwar stark. In den ersten Jahren habe ich meine sexuelle Orientierung nicht sonderlich verheimlicht. Außerdem arbeiten in der Gastronomie, in der ich tätig bin, immer mehr Frauen. Und wo weniger Männer sind, gibt es weniger Probleme“, sagt Achra. Seinen Worten zufolge begann sich die Lage 2012 zu verschlechtern, als Putin nach einer Unterbrechung erneut Präsident wurde, die Proteste im Land niedergeschlagen wurden und das allererste Gesetz gegen „LGBT-Propaganda“ unter Minderjährigen ausgearbeitet wurde.
Der junge Mann versuchte, in seine Heimat zurückzukehren. Dort wurde er gegen seinen Willen geoutet und mit dem Tod bedroht. Auch seine Familie wurde bedroht. Die Homophobie in Abchasien bezeichnet Achra als „allumfassend“ und „steinzeitlich“. Er scheut sich davor, öffentlich über seine Verfolgung zu sprechen, denn in seiner Heimat leben noch Angehörige. Um sie nicht in Gefahr zu bringen, sieht sich Achra seither gezwungen, keinen Kontakt zu seiner Familie zu haben.
Er spricht fließend Abchasisch, Russisch und Englisch. Er lernt Spanisch. Achra arbeitete mehrere Jahre lang für ein amerikanisches Unternehmen außerhalb Russlands. Dort erlebte er den Beginn des groß angelegten Krieges gegen die Ukraine: “Für mich ist das eine unermessliche Tragödie. Ich wurde mitten im georgisch-abchasischen Krieg geboren. Das Wort ‘Krieg’ habe ich immer nur in dem Zusammenhang ausgesprochen, dass sich so etwas niemals wiederholen darf. Als Russland die Ukraine angriff, ging ich ins Büro und sagte, dass ich unter keinen Umständen nach Moskau zurückkehren würde. Nach Ablauf des Vertrags ermöglichte die Unternehmensleitung den Ukrainern und Russen, jeden beliebigen Flughafen als Endziel anzugeben”.
Achra entschied sich wegen der Visumfreiheit für Argentinien. Viel wusste er über das Land nicht. Im Juni 2022 kam er für einen zweimonatigen Urlaub nach Buenos Aires, um zur Ruhe zu kommen und zu entscheiden, wie es weitergehen sollte. Achra gefielen die Stadt und die aufgeschlossene Haltung der Einheimischen gegenüber LGBTQ+-Menschen so sehr, dass er bereits zehn Tage später einen Asylantrag stellte. Ende 2024 erhielt Achra eine befristete Aufenthaltserlaubnis und ein Jahr später die argentinische Staatsbürgerschaft.
“Zuerst war da Euphorie, doch dann brach alles über mich herein. Ich habe mehrere Wochen lang nur geweint. Als diese ganze Geschichte mit der Verfolgung in Abchasien passierte, schaltete ich in den Überlebensmodus und erlaubte mir nicht, sie emotional zu verarbeiten. Doch jetzt, nachdem dieser Lebensabschnitt endlich abgeschlossen war und ich mich in Sicherheit befand, lösten sich all der Schmerz und die Angst. Es war, als hätte ich alles noch einmal durchlebt. Ich spürte es am ganzen Körper. Inzwischen geht es mir besser”, erzählt Achra.
In Buenos Aires fand der Geflüchtete eine “Familie” – so nennt er seinen großen Freundeskreis, der überwiegend aus russischsprachigen Menschen besteht. Sie unterstützen einander. Mit ihnen besuchte er auch seine erste Pride-Parade in Argentinien: “Ich habe das Gefühl, dass queere Menschen etwa dreißig Prozent aller neu nach Buenos Aires gekommenen russischen Emigranten ausmachen. Wir sind wirklich viele. Das sehe ich an meinen Freunden, Bekannten und Kunden. Außerdem fällt mir auf, dass heterosexuelle russische Emigranten, die queeren Menschen früher neutral gegenüberstanden, nach ihrem Umzug nach Argentinien wesentlich aufgeschlossener geworden sind. Denn das Umfeld verändert einen”.
Aufenthaltserlaubnis mit der Diagnose “HIV”
Witali Panferow spricht offen über seinen HIV-positiven Status. Dank dieses Status konnte der Russe seinen Aufenthalt in Buenos Aires legalisieren und hat seine befristete Aufenthaltsgenehmigung bereits einmal verlängert. Dass jeder Migrant in Argentinien aus medizinischen Gründen eine Aufenthaltserlaubnis beantragen kann, erfuhr Panferow, nachdem sein ursprünglicher Plan, seinen Aufenthalt über ein Studentenvisum zu legalisieren, gescheitert war. Asyl aufgrund seiner Homosexualität zu beantragen, kam für ihn aus Prinzip nicht infrage.
Witali Panferow stammt aus Schukowski bei Moskau. Er ist ausgebildeter Jurist. In Russland, wo Witali 25 Jahre lang lebte, wussten seine Freunde und Eltern von seiner sexuellen Orientierung. Doch offen zu leben war undenkbar. Witali hielt all seine Liebesbeziehungen geheim. Gemeinsam mit seinem damaligen Freund verließ er Russland. Im Dezember 2022 heirateten sie in Südafrika, Anfang 2023 zogen sie nach Argentinien.
Um ein Studentenvisum zu erhalten, besuchten beide eine private Schule für Multimediakunst, die etwa $70 pro Person und Monat kostete. Doch nach einem halben Jahr trennte sich das junge Paar – wegen finanzieller Probleme und häuslicher Gewalt. Das geplante Geschäft zur Kerzenherstellung konnten sie nicht richtig in Gang bringen. Ihre Ersparnisse gingen zur Neige. Panferow zufolge missbrauchte sein damaliger Ehemann Alkohol und schlug ihn. Später zeigte der Russe seinen Ex-Ehemann bei Beratungsstelle für häusliche Gewalt beim Obersten Gerichtshof. Auf Vitalis Telefon wurde eine Notruftaste eingerichtet. Das Gericht untersagte dem Angreifer, sich dem Betroffenen auf weniger als 300 Meter zu nähern; eine weitere Strafe erhielt er nicht.
Ende 2023 kam in Argentinien die Regierung des rechtsextremen Präsidenten Javier Milei an die Macht. Die Wirtschaftspolitik änderte sich radikal, und das Leben im Land wurde in Dollar gerechnet rapide teurer. Statistiken zufolge, in der Rangliste der teuersten Städte Südamerikas belegt Buenos Aires bei den Lebenshaltungskosten den zweiten Platz, direkt hinter Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Als Witali erkannte, dass er sein Studium nicht länger bezahlen konnte, suchte er nach anderen Möglichkeiten, seinen Aufenthalt zu legalisieren. Gleichzeitig begann er eine kurze Beziehung mit einem Argentinier. Sie endete im Februar 2024 mit einem positiven HIV-Test. “Als ich mich testen ließ, erklärte ich dem Arzt, dass ich schwul bin und ungeschützten Sex mit einem Mann hatte. In Russland hätte ich mich niemals getraut, so etwas zu erzählen. Hier hingegen reagierte der Arzt völlig normal auf das, was er gehört hatte. Ich weiß noch, wie sehr mich das verblüffte”, gesteht Witali. Er ist überzeugt, dass er sich erst in Argentinien mit HIV infiziert hat. Vor seiner Emigration hatte er sich testen lassen, ebenso sein Ex-Mann – die Ergebnisse waren negativ.
Während Russland, das gemessen an der Zahl der HIV-Infizierten weltweit zu den fünf am stärksten betroffenen Ländern gehört, Migranten mit positivem HIV-Status können abgeschoben werden, selbst wenn sie viele Jahre im Land gelebt hatten (sie weigern sich die Aufenthaltserlaubnis verlängern), begann Panferow in Argentinien sofort, Medikamente zu erhalten. Nach dem dortigen “Nationalen Gesetz zu HIV, Virushepatitis, anderen sexuell übertragbaren Infektionen und Tuberkulose” haben ausnahmslos alle in Argentinien lebenden Menschen, darunter auch Ausländer unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, Anspruch auf eine staatlich finanzierte antiretrovirale Therapie.
HIV-positive Migranten werden nicht nur nicht abgeschoben, sondern können aus medizinischen Gründen eine einjährige Aufenthaltserlaubnis beantragen und diese verlängern. Laut der offiziellen Statistik, leben im 46-Millionen-Einwohner-Land Argentinien 140.000 HIV-positive Menschen. 87 % von ihnen kennen ihre Diagnose. Mehr als die Hälfte der Infizierten erhält ihre Medikamente in staatlichen Einrichtungen. Auch jede private Krankenversicherung übernimmt die antiretrovirale Therapie.
Nach drei Jahren legalen Aufenthalts im Land wird Vitali Panferow eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis beantragen. Nach eigenen Angaben erhält Panferow seit zwei Jahren problemlos seine Tabletten, obwohl er von Medikamentenengpässen in einigen Krankenhäusern gehört hat. Er sagt, sein HIV-positiver Status habe in seinem Leben kaum etwas verändert und er sei in Buenos Aires nie diskriminiert worden. Heute verdient Vitali seinen Lebensunterhalt damit, Migranten zu Möglichkeiten einer Legalisierung ihres Aufenthalts aus medizinischen Gründen zu beraten. Ob sich jemand in Argentinien oder in seinem Heimatland mit HIV infiziert hat, spielt dabei grundsätzlich keine Rolle.
Argentiniens Regierung und die LGBTQ-Politik
Auf die Frage, warum sie für ihre Auswanderung das weit entfernte Argentinien gewählt haben, wo keiner der Protagonisten dieses Textes zuvor auch nur gewesen war, nennen die Gesprächspartner stets dieselben Gründe: die visumfreie Einreise – russische Staatsangehörige dürfen sich 90 Tage lang als Touristen in Argentinien aufhalten –, Gesetze zum Schutz der Rechte queerer Menschen und ein transparentes Verfahren zur Beantragung von Asyl.
Wie Menschenrechtsaktivisten von der “Argentinischen Föderation LGBT+”, gegenüber Nastojaschtschee Wremja berichteten, wurden sie Anfang 2023 von Anfragen russischer Bürger, die nach Argentinien emigrieren wollten und wissen wollten, wie das möglich sei, regelrecht überhäuft. Später ging die Zahl der Anfragen zurück. Vermutlich jedoch nicht, weil der Zustrom queerer Geflüchteter nachließ, sondern weil thematische Gruppen und Chats entstanden, in denen alle für einen Asylantrag erforderlichen Informationen gesammelt werden. Diese Gruppen, die sich hauptsächlich auf Telegram befinden, haben nur wenige Mitglieder und sind geschlossen, um sie bestmöglich vor Bots und Provokateuren zu schützen; dort tauschen sich gegenwärtige und künftige queere Migranten aus und teilen ihre Erfahrungen. Um Zugang zum Chat zu erhalten, muss man eine Moderation durchlaufen und dabei seine Geschichte erzählen. Als eine der hilfreichsten und beliebtesten Gruppen nannten die Protagonisten dieses Textes “LGBTQ Immigration nach Argentinien”, die fast 1200 Mitglieder hat. Darüber hinaus gibt es Gruppen für gleichgeschlechtliche Paare, die mit Kindern umziehen oder planen, in Argentinien ein Kind zu bekommen.
Margarita, Elena, Achra und Vitali kamen nach Argentinien und leiteten das Legalisierungsverfahren ein, als sie im Land noch an der Macht war oder diese erst kurz zuvor verlassen hatte
die linke Koalition Frente de Todos. Die ihr angehörenden Parteien machten den Schutz der LGBTQ+-Rechte seit den 2000er-Jahren schrittweise zu einem Bestandteil der staatlichen Politik. Die ehemalige Präsidentin Cristina Kirchner (2007–2015) setzte sich persönlich für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe im Jahr 2010 ein. 2006 wurde an argentinischen Schulen das Pflichtfach ESI (umfassende Sexualaufklärung) eingeführt, in dessen Rahmen unter anderem über Schwule, Lesben, nichtbinäre und transgeschlechtliche Menschen gesprochen wird. Organisationen, die sich für die queere Community einsetzten, erhielten staatliche Fördermittel. Im Land gab es ein Ministerium für Frauen und geschlechtliche Vielfalt.
Seit Präsident Milei und eine rechte Regierung Ende 2023 an die Macht kamen, hat sich vieles verändert. Der Schutz queerer Menschen ist nicht länger Teil der staatlichen Politik: Das Ministerium für Frauen und geschlechtliche Vielfalt wurde aufgelöst, Menschenrechtsorganisationen entzogen Finanzierung sowie den Sexualkundeunterricht in Kindergärten und Schulen. Die Behörden planen per Dekret zu verbieten, in Dokumenten im Feld „Geschlecht“ „nichtbinäre Person“ anzugeben.
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2025 erklärte Präsident Milei sprach sich aus gegen die queere Community und die „Genderideologie“. „In ihren radikalsten Ausprägungen ist die Genderideologie nichts anderes als die Vergewaltigung von Kindern. Sie sind Pädophile“, erklärte der argentinische Staatschef. Die Gesetze zur staatlichen Finanzierung von Hormontherapien und geschlechtsangleichenden Operationen bezeichnete er als absurd. Dem Libertären zufolge habe angeblich eine ganze Generation unter der Politik der Geschlechtervielfalt gelitten und werde nun den Rest ihres Lebens in psychiatrischen Kliniken verbringen. In einem ähnlichen Ton äußern sich Parteikollegen und Anhänger von Javier Milei.

„Hier muss ich mich nicht verstecken.“ Eleonora wartet auf Asyl
Die Transfrau Eleonora emigrierte Ende 2024 aus Kasan nach Buenos Aires. Früher konnte sie nicht ausreisen: Sie wartete, bis sie 18 Jahre alt war. Kurz nach ihrer Volljährigkeit erhielt sie vom Kreiswehrersatzamt einen Einberufungsbescheid zum Wehrdienst. Menschenrechtsaktivisten von „Prisywa.Net“ halfen ihr, die Einberufung zu vermeiden.
Eleonora erkannte mit etwa 14 Jahren, dass sie ein Transmädchen ist. Auf dem College, das sie nach der neunten Klasse besuchte, erzählte sie einer neuen Freundin von ihrer Identität, woraufhin diese die Information mit dem ganzen Jahrgang teilte. „Ich wurde gemobbt. Sie lauerten mir nach dem Unterricht auf. Sie verprügelten mich. Zur Polizei bin ich natürlich nicht gegangen. Wer hätte sich dort schon darum gekümmert?“, erzählt Eleonora. Wenn ihre Mutter für längere Zeit zum Arbeiten nach Moskau fuhr, ließ sie die Kinder bei der Großmutter. Beide Frauen akzeptierten Eleonora nicht als Transmädchen und reagierten ablehnend auf ihre Entscheidung, Russland zu verlassen. Die anderthalbtausend Dollar für ihre Auswanderung nach Argentinien sparte sie sich mit ihrer Arbeit bei „Burger King“ zusammen. Von diesem Geld kaufte Eleonora ein Ticket nach Buenos Aires und bestritt dort in der ersten Zeit ihren Lebensunterhalt.
Ihren Asylantrag stellte sie vor mehr als einem Jahr, doch bislang wurde sie noch nicht einmal zu einem Gespräch bei Co.Na.Re eingeladen. Seit Javier Milei an die Macht gekommen ist, dauern alle bürokratischen Verfahren in Angelegenheiten von Migranten und Geflüchteten länger und sind komplizierter geworden. Nach Angaben der Juristin Anastasia Domini vergehen derzeit von der Eröffnung eines Falls bei Co.Na.Re bis zur Einladung zum Gespräch durchschnittlich mindestens eineinhalb Jahre – und noch einmal genauso lange, bis darüber entschieden wird. Fällt die Entscheidung positiv aus, erhält die antragstellende Person das Recht auf eine Aufenthaltserlaubnis in Argentinien.
Alle drei Monate erhält Eleonora ein Dokument, das bestätigt, dass ihr Fall noch geprüft wird. Argentinien darf sie jedoch nicht verlassen, da das Verfahren sonst umgehend eingestellt würde. Nach dem nationalen „Gesetz über die Geschlechtsidentität“ hat jede im Land lebende trans Person Anspruch auf eine kostenlose Hormontherapie. Tatsächlich bekamen Menschen ohne argentinische Ausweispapiere unter der rechten Regierung jedoch zunehmend Probleme, diese Therapie in staatlichen Krankenhäusern zu erhalten. Die „Argentinische LGBT-Föderation“ erklärte gegenüber Nastojaschtscheje Wremja, dies sei rechtswidrig, und empfahl Betroffenen, sich an sie zu wenden.
Eleonora zufolge erhielt sie in den ersten sechs Monaten mit dem Dokument von Co.Na.Re. ihre Therapie problemlos, doch dann wurde sie abgewiesen. Zur Begründung hieß es, die Haushaltsmittel seien nun ausschließlich für argentinische Staatsbürger bestimmt. „Ich zahle jeden Monat mehr als $200 aus eigener Tasche“, sagt die Transfrau. Künftig will sie ihre medizinische Transition abschließen. Sobald Eleonora als Flüchtling eine Aufenthaltserlaubnis erhält, kann sie sich laut Gesetz auf die Warteliste für einen kostenlosen chirurgischen Eingriff setzen lassen. Wann es so weit sein wird, lässt sich derzeit jedoch nur schwer vorhersagen.
Ihren persönlichen Komfort als trans Person nach dem Umzug von Kasan nach Buenos Aires bewertet Eleonora mit „10 von 10“. Sie muss keine Männerkleidung mehr tragen und nicht mehr in der männlichen Form von sich sprechen. „Hier muss ich mich nicht verstecken“, sagt die Einwanderin. Über eine Rückkehr nach Russland dachte Eleonora nur ein einziges Mal nach, als ihr das Geld vollständig ausging. Sie konnte die Miete nicht mehr bezahlen, und eine Wohltätigkeitsorganisation half der Russin, in einer Unterkunft bei einem Kloster in der Provinz Buenos Aires unterzukommen. Eleonora räumt ein, dass sie sich dort äußerst unwohl fühlte, aus Mangel an Alternativen jedoch bleiben musste. Inzwischen hat sich ihre finanzielle Lage verbessert: Die Transfrau arbeitet in einer Bar und mietet eine Wohnung in der argentinischen Hauptstadt.
Die Protagonistinnen dieses Textes sagen, dass sie ihre Entscheidung, nach Argentinien auszuwandern, keineswegs bereuen und sich dort wesentlich sicherer und wohler fühlen als in Russland. Der Diskurs der derzeitigen Regierung beunruhigt sie jedoch, und Javier Mileis Haltung gegenüber queeren Menschen bezeichnen sie als offen homophob.
Margarita und Elena vertrauen auf die Toleranz der argentinischen Gesellschaft insgesamt und sind der Ansicht, dass es derzeit weltweit schlicht keinen vollkommen sicheren Ort für LGBTQ+-Menschen gibt und Argentinien in dieser Hinsicht noch immer zu den besten Ländern gehört. Achra sagt, er sei in Buenos Aires weder körperlicher noch verbaler Aggression ausgesetzt gewesen. Allerdings habe er bemerkt, dass in Apps für schwule Männer immer mehr Menschen ihre Gesichter verbergen, weil sie ihre sexuelle Orientierung nicht offen zeigen wollen. Diese Entwicklung beunruhigt Achra.
Wenn es um Menschen geht, die noch keine Aufenthaltserlaubnis erhalten haben, bereitet ihnen die Situation in den Krankenhäusern und bei der medizinischen Versorgung große Sorgen. Jahrzehntelang war die öffentliche Gesundheitsversorgung in Argentinien für alle kostenlos: für Staatsangehörige ebenso wie für Ausländer, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Menschen aus Bolivien, Paraguay und Peru kamen nach Argentinien, um sich auf Kosten des argentinischen Staatshaushalts behandeln zu lassen. Im Mai 2025 beschloss die Regierung Milei vor dem Hintergrund rekordhoher Kürzungen bei der Finanzierung des Gesundheits- und Bildungswesens, Reform, die es staatlichen Krankenhäusern erlaubte, von Personen ohne Aufenthaltsstatus Geld für die Behandlung zu verlangen. Die Krankenhäuser sind dazu gezwungen, weil die staatlich bereitgestellten Mittel nicht ausreichen, um sowohl Argentinier als auch Ausländer zu versorgen. Ende Januar 2026 erklärte der Bürgermeister von Buenos Aires, Jorge Macri, Formulierung: „Die Zeit, in der Ausländer kostenlos medizinisch versorgt wurden, ist vorbei. Alle, die keinen DNI haben, müssen zahlen.“ Dieselben Einschränkungen führten ein in mehreren Provinzen, darunter Salta und Mendoza.
Menschenrechtsaktivisten der Federacion Argentina LGBT („Argentinischer LGBT-Verband“) berichten, dass die Zahl der Hassverbrechen im Land seit dem Machtantritt der Rechten zugenommen hat. Laut Angaben des jüngsten des Berichts,
In den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 stieg die Zahl queerfeindlicher Hassverbrechen in Argentinien um 70 %. 17 Menschen wurden getötet, 85 erlitten Verletzungen unterschiedlichen Schweregrades. Am häufigsten werden trans Frauen angegriffen. Die Stadt Buenos Aires gilt dabei weiterhin als eine der sichersten Regionen für queere Menschen.
„In unserem Land ist politische Gewalt gegen die sexuelle Vielfalt weder eine abstrakte Kategorie noch eine Metapher. Es handelt sich um eine kontinuierliche Praxis der Verfolgung durch das Schüren von Hass, die wir in verschiedenen Bereichen beobachten“, schreiben die Menschenrechtsaktivisten des „Argentinischen LGBT-Verbands“. Ihnen zufolge bleibt ein solches Verhalten aufgrund des Versagens lokaler und bundesstaatlicher Amtsträger ungestraft.
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