Es scheint, ich werde altmodisch.
Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ein Schwuler ein Mann ist, der Männer mag. Ich möchte meinen Mann meinen Mann nennen. Ich glaube an Monogamie, auch wenn ich sie von anderen nicht verlange. Ich finde nicht, dass offene Beziehungen einen Menschen automatisch freier machen und die Ehe langweiliger. Und ich möchte nicht jede Woche nachprüfen, ob die Worte, mit denen ich mich gestern noch beschrieben habe, schon veraltet sind.
Dabei unterstütze ich gleiche Rechte, gleichgeschlechtliche Ehen, den Schutz von Transgender-Menschen und das Recht jedes Einzelnen, so zu leben, wie es ihm passt.
Wo liegt da bitte das Problem?
Das Problem beginnt in dem Moment, in dem du nicht einfach nur das Recht hast, du selbst zu sein, sondern verpflichtet bist, genau nach der neuesten Anweisung du selbst zu sein.
Na ja, ich mag das Wort „schwul“. Nicht queer, nicht „eine Person mit nicht normativer Sexualität“, nicht diese lange Konstruktion aus Identitäten, die man in einem Atemzug aussprechen soll, bevor man einem den Mund mit einem Glied bis zum Anschlag stopft
Einfach schwul. Ein Mann, der Männer mag. Ja, ich verstehe, dass diese Beschreibung für die heutige Welt verdächtig kurz ist. Sie hat kein Sternchen, keine Kleingedruckten Erläuterungen und keinen Link zum Glossar.
Aber das reicht mir.
Für manche geben neue Wörter tatsächlich Freiheit. Ein Mensch findet endlich einen Begriff, der ihn genauer beschreibt, und merkt: Mit mir ist alles in Ordnung. Das ist wunderbar.
Für einen anderen wird Identität aber allmählich zu einem Formular, das man regelmäßig aktualisieren muss. Zuerst habe ich jedes Jahr das Alter geändert (manchmal zweimal im Jahr), dann habe ich Pronomen hinzugefügt, dann, damit das Formular vollständig wirkte, ergänzt, dass ich ein cis Mann bin, Einstellung zum Kapitalismus, Einverständnis zur Verarbeitung personenbezogener Daten.
Ich habe nichts gegen das Wort «queer». Sollen die Leute sich so nennen, wie es ihnen passt. Mich kümmert es eigentlich wenig, was jemand in seiner Biografie geschrieben hat, solange er mich nicht auffordert, meine auf die Schnelle umzuschreiben.
Das Problem beginnt dann, wenn die eigene Selbstbezeichnung nicht nur anderen, sondern auch moderneren Leuten als etwas präsentiert wird.

Du sagst:
— Ich bin schwul.
Und man schaut dich ungefähr so an, als hättest du gerade gesagt, dass du ein Faxgerät benutzt und Musik auf Kassetten speicherst. So nach dem Motto: klar. Ein Mensch aus der Vergangenheit. Jetzt setzen wir ihn ordentlich ins Museum und stellen ihn neben die Telefonzelle.
Aber ich fühle mich nicht altmodisch (Witze über das Alter spar dir für deinen Freund auf).
Früher war das Wort «schwul» für sich allein schon ziemlich gewagt. Die Leute sagten «homosexuell», «so einer», «von denen», «nichttraditionell» oder senkten einfach die Stimme auf das Niveau eines Spionagefilms.
— Du weißt schon, er… na ja… verstehst du…
Nein, verstehe ich nicht. Ist er Steuerberater? Zeuge Jehovas? Arbeitet er bei Deutsche Bahn? Was ist mit ihm los?
Wir haben lange gelernt, uns beim Namen zu nennen.
Ohne medizinische Diagnosen.
Ohne die Worte „Neigung“ und „Lebensstil“.
Ohne das Gefühl, dass man sich nach dem Coming-out sofort bei den Anwesenden entschuldigen und den Raum verlassen muss.
Und dann sprichst du endlich ruhig:
— Ich bin schwul.
Und man antwortet dir:
— Im Grunde ist jetzt alles komplizierter.
Natürlich, komplizierter. Alles ist jetzt komplizierter. Sogar ein Zugticket kann man nicht kaufen, ohne die Zustimmung zu sechs Dokumenten zu bestätigen.
Aber manchmal ist ein Mann, der Männer mag, einfach ein Mann, der Männer mag.
Nicht jeder Mensch muss ein Rätsel sein, das man auf einem Gruppenseminar lösen soll.
Man sagt mir, dass das Wort „queer“ weiter gefasst ist. Es sprengt Grenzen, lehnt starre Kategorien ab und lässt Raum für Veränderungen.
Großartig.
Aber persönlich möchte ich meine Kategorie nicht zerstören. Ich habe dort erst vor Kurzem mit der Renovierung fertig geworden.
Ich habe viel zu lange versucht zu verstehen, wer ich bin, sodass mich jetzt schon die bloße Tatsache einer klaren Antwort deprimiert.
Das Wort „schwul“ hat mich nicht in eine Schublade gesteckt. Im Gegenteil, es hat mir geholfen, aus ihr herauszukommen.
Bis dahin war ich einfach ein seltsamer Junge, den es aus irgendeinem Grund interessanter fand, nicht das Mädchen im Clip anzuschauen, sondern den Tänzer links. Dann kamen Worte, Erklärungen und die unangenehme Erkenntnis, dass der Tänzer links meist verheiratet ist.
Aber zumindest soll klar werden, was passiert. Deshalb bin ich nicht verpflichtet, ein bekanntes Wort nur deshalb aufzugeben, weil es ein Terminologie-Update gab.

Die moderne LGBT-Szene erinnert überhaupt manchmal an eine App: Alle paar Monate gibt es eine neue Version, Fehler werden behoben, neue Identitäten kommen hinzu und manche alten Formulierungen werden nicht mehr unterstützt. Den Nutzern wird dringend empfohlen, das Wörterbuch zu aktualisieren, sonst sind Konflikte in den Kommentaren möglich. Dabei werden Updates automatisch installiert, und die Änderungsübersicht liest niemand: Gestern hast du noch ein völlig normales Wort benutzt, heute ist es schon kontrovers, und morgen musst du dafür eine öffentliche Entschuldigung in den Stories posten.
Besonders lustig wirkt das für Migranten. Ein Mensch zieht aus einem Land weg, in dem man das Wort „schwul“ nur zu Hause, im Flüsterton und möglichst ohne eingeschalteten Fernseher aussprach, lernt dann Deutsch, versucht mit den Dokumenten klarzukommen, hört, wie ein Behördenmitarbeiter vierzig Minuten lang etwas in einem Satz erklärt, und soll parallel den aktuellen Wortschatz des westlichen Aktivismus lernen.
Ich habe gerade erst gelernt, „Ich bin schwul“ zu sagen, ohne innerlich einen Herzinfarkt zu bekommen, und mir wird schon erklärt, dass die Formulierung nicht inklusiv genug sei. Danke. Ihr habt wirklich geholfen, sich anzupassen.
Für viele russischsprachige Männer dauert der Weg zum Wort „schwul“ Jahre: Zuerst verstehst du, dass das nicht vorbeigehen wird, dann hoffst du, dass es vielleicht doch vorbeigeht, dann suchst du im Internet, wie man es loswird, dann begreifst du, dass das Internet viel zu viel über dich weiß, löschst den Browserverlauf, öffnest ihn später wieder und kannst erst deutlich später ruhig sagen: „Ja, ich bin schwul“. Ohne traurige Musik im Hintergrund, ohne Pause und ohne Vorbereitung eines Nachrufs. Und in diesem Moment möchte man überhaupt nicht hören, dass du dich endlich selbst akzeptiert hast, das aber nach einer veralteten Anleitung getan hast.

Ich habe nichts gegen neue Begriffe. Ich bin gegen eine Situation, in der eine Sprache, die dazu gedacht war, Menschen zu befreien, zu einem weiteren Kontrollsystem wird: ob du dich richtig bezeichnet hast, ob du andere richtig benannt hast, ob du die Buchstaben richtig gesetzt hast, ob du alle Gruppen erwähnt und niemanden versehentlich vergessen hast. Denn wenn du jemanden vergessen hast, bist du womöglich kein Verbündeter mehr, sondern buchstäblich eine Bedrohung für das Überleben der Gemeinschaft. Man hat manchmal das Gefühl, dass man für die Teilnahme an der modernen LGBT-Diskussion schon nicht mehr persönliche Erfahrung braucht, sondern ein Zertifikat.
Wünschenswert mit jährlicher Bestätigung der Qualifikation.
Freiheit der Identität sollte das Recht bedeuten, sich so zu beschreiben, wie es einem passt. Nicht nur das Recht, es zu verkomplizieren. Sondern auch das Recht, es nicht zu verkomplizieren.
Nicht jeder braucht eine Konstruktion aus sieben Wörtern, um zu erklären, wen er morgens gerne neben sich sehen möchte.
Manchen reicht eines.
Ich bin schwul.
✦ Das Material ist in der Ausgabe des Autors veröffentlicht. Die im Text dargelegten Meinungen, Bewertungen und Schlussfolgerungen gehören dem Autor und stimmen möglicherweise nicht mit der Position des Herausgebergremiums von Doberman.media überein. Das Herausgebergremium ist nicht verantwortlich für die Interpretationen, Aussagen und Schlussfolgerungen des Autors.


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