Sex ist heute viel sicherer geworden, doch um die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ranken sich noch immer unzählige Mythen, Missverständnisse und schlichtweg Bequemlichkeit. Wir haben beschlossen, Klarheit zu schaffen, und einen ehrlichen medizinischen Ratgeber ohne falsche Scham zusammengestellt.
Was ist PrEP?
PrEP (Präexpositionsprophylaxe) — Das ist ist die Einnahme spezieller Medikamente durch Menschen ohne HIV, um sich vor einer Infektion mit dem Virus zu schützen. Das Medikament blockiert HIV, bevor sich das Virus im Körper festsetzen und vermehren kann. Die Präparate enthalten dieselben Wirkstoffe wie Medikamente zur Behandlung von HIV. Bei regelmäßiger Einnahme ist die Schutzwirkung sehr hoch. Dabei PrEP schützt sie nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI). Es gibt zwei gängige Einnahmeschemata: täglich eine Tablette oder anlassbezogen vor dem Geschlechtsverkehr. Vor Beginn der Einnahme ist unbedingt ein HIV-Test erforderlich, um sicherzustellen, dass keine HIV-Infektion vorliegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Bist du sicher, dass du weißt, wie man sich schützt? Die größten Mythen über die „Wunderpille“
Viele glauben, es reiche aus, PrEP einfach irgendwie einzunehmen, und schon sei Sex sicher. Tatsächlich gibt es zwei grundlegende Einnahmeschemata: die tägliche Einnahme und die an einen bestimmten sexuellen Kontakt gekoppelte, anlassbezogene Einnahme (event-based). Der größte Irrtum ist der Glaube, die Tablette müsse jeden Tag minutengenau zur gleichen Zeit eingenommen werden. Das stimmt nicht: Kleine Abweichungen in deinem Zeitplan haben keinerlei Einfluss auf die Wirkstoffkonzentration im Körper. Es besteht also wirklich kein Grund zur Panik, wenn dein Wecker einmal nicht geklingelt hat.
2. Die Dienstags-und-samstags-Regel: Warum du nicht jeden Tag Tabletten schlucken musst
Wenn du dich für die tägliche Einnahme entschieden hast, haben wir eine gute Nachricht für dich: Du musst deinen Körper nicht unbedingt dazu zwingen, jeden Tag Tabletten zu schlucken. Für einen vollständigen Schutz reichen bereits vier Tabletten pro Woche aus.
Aktivisten haben sich sogar eine einfache Eselsbrücke ausgedacht — das „T&S-Schema“ (Tuesday, Thursday, Saturday, Sunday — Dienstag, Donnerstag, Samstag, Sonntag). Wenn du die Tabletten Woche für Woche an diesen Wochentagen einnimmst, bist du genauso gut geschützt wie jemand, der sie täglich nimmt. Selbst wenn du versehentlich einen, zwei oder drei Tage pro Woche auslässt (solange es keine aufeinanderfolgenden Tage sind), bricht dein Schutz nicht zusammen. Versuche aber nicht, zu tricksen und von Montag bis Donnerstag vier Tabletten hintereinander zu nehmen und dann drei Tage Pause zu machen — dein Körper braucht eine gleichmäßige Wirkstoffkonzentration.
3. „Klar, eine halbe Stunde reicht mir!“: tödliche Mathematik vor dem Date
Wenn du nicht regelmäßig Sex hast und nicht ständig Tabletten einnehmen möchtest, ist die anlassbezogene Einnahme die richtige Wahl für dich. Dabei gibt es jedoch eine strikte Regel, gegen die du nicht verstoßen darfst: Die doppelte Dosis (2 Tabletten) muss mindestens 2 Stunden vor dem Sex eingenommen werden.
Denk daran: Die Tabletten erst eine halbe oder eine Stunde vor dem Eintreffen deines Partners einzunehmen, ist nicht nur eine schlechte Idee — dieses Schema funktioniert nicht. Der Wirkstoff braucht rein körperlich mindestens zwei Stunden, um aufgenommen zu werden und deine Zellen zu schützen.
4. Der Sex kam ganz unerwartet: Was tun, wenn du das Zwei-Stunden-Fenster vergessen hast?
Das Leben ist unberechenbar, und manchmal landet ein heißer Typ in deinem Bett, bevor die Schutzwirkung eingesetzt hat. Was solltest du tun, wenn es bereits zum Sex gekommen ist und du die zwei Tabletten nicht zwei Stunden vorher einnehmen konntest?
Für Panik ist es zu spät, aber du musst schnell handeln. Dein Notfallplan:
- Nimm so schnell wie möglich eine doppelte Dosis PrEP ein — entweder direkt vor dem Sex oder unbedingt innerhalb von 12 Stunden danach.
- Nimm weiterhin jeden Tag eine Tablette.
- Geh sofort zum Arzt.
Wenn du überhaupt keine Tabletten zu Hause hast, bleiben dir höchstens 72 Stunden (besser jedoch 24–48 Stunden), um eine Klinik für sexuelle Gesundheit oder die Notaufnahme eines Krankenhauses (A&E) aufzusuchen und um PEP (Postexpositionsprophylaxe).
5. Sextourismus am Wochenende: So packst du den Schutz in den Koffer
Du fliegst zum Beispiel zum Gay Pride nach Gran Canaria und willst es dort so richtig krachen lassen. Wie kannst du dich in dieser Zeit schützen, wenn du normalerweise keine PrEP nimmst?
Die Fachleute des Terrence Higgins Trust empfehlen das „Festival-Schema“: Du nimmst direkt im Flugzeug eine doppelte Dosis, danach während deines gesamten Sexmarathons jeden Tag eine Tablette und nach dem letzten Sex noch zwei weitere Tage lang jeweils eine Tablette. Damit bist du während deines gesamten „Festivals des Ungehorsams“ vollständig geschützt.
6. Stimmt es, dass PrEP besser wirkt als ein Kondom?
Beim Schutz vor HIV erzielt PrEP bei korrekter Einnahme unglaubliche Ergebnisse – die Wirksamkeit liegt bei nahezu 100 % (etwa 99,9 %). Sie ist ebenso zuverlässig wie Kondome und gilt derzeit als weltweit bestes Mittel zur HIV-Prävention. In Großbritannien nutzen bereits rund 120.000 Menschen PrEP kostenlos, in Frankreich etwa 65.000. Aber denk daran: PrEP schützt Nur vor HIV; andere Infektionen (Syphilis, Gonorrhö, Chlamydien) können die Tabletten nicht verhindern.
7. Warum Sexualkliniken dich in der Warteschlange vorlassen müssen
Wenn du in eine öffentliche Klinik für sexuelle Gesundheit gehst und sagst: „Ich möchte mich einfach nur testen lassen“, bekommst du möglicherweise erst in einer Woche einen Termin. Wenn du aber gleich am Empfang ehrlich sagst: „Ich hatte gerade Sex, habe PrEP nicht rechtzeitig genommen und brauche Hilfe“, muss man dich bevorzugt behandeln (expedited). Ärztinnen und Ärzte werden deine Risiken sofort einschätzen, Bluttests durchführen, deine Nieren untersuchen und entscheiden, ob du eine Notfall-PEP benötigst oder ob es genügt, deine PrEP-Einnahme anzupassen. Hab keine Angst, ihnen die Wahrheit zu sagen – glaub mir, sie haben wirklich schon alles gehört.
8. Das Jahr 1982: Als Sex tödlich war und das Virus noch nicht einmal einen Namen hatte
Um zu begreifen, in welch außergewöhnlicher Zeit wir leben, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Der Terrence Higgins Trust ist nach Terry Higgins benannt, einem der ersten Menschen in Großbritannien, die an durch Aids verursachten Erkrankungen starben. Als er 1982 starb, hatte das HI-Virus noch nicht einmal einen offiziellen Namen – von Tests oder einer Behandlung ganz zu schweigen.
Sein Partner Rupert Whitaker und der Mitbegründer der Stiftung, Martyn Butler, hätten damals nicht einmal zu träumen gewagt, dass noch zu ihren Lebzeiten Medikamente verfügbar sein würden, mit denen Menschen mit HIV ein erfülltes Leben führen können, ohne das Virus an ihre Partner weiterzugeben, und mit denen sich HIV-negative Menschen zuverlässig vor einer Infektion schützen können.
9. Verschwörung der Pharmaindustrie oder Revolution? Eine Zukunft, in der eine Spritze die Tabletten ersetzt
Die tägliche Tabletteneinnahme gehört bald der Vergangenheit an. Gerade steht die Wissenschaft an der Schwelle zu einer Revolution. Der Pharmariese Gilead testet gemeinsam mit der Bill & Melinda Gates Foundation und der Clinton Foundation bereits eine injizierbare PrEP, die man sich nur einmal alle sechs Monate spritzen lassen muss. Die Kosten für eine solche Jahresbehandlung sollen in Entwicklungsländern auf 100 Dollar gesenkt werden. Darüber hinaus entwickelt Merck ein Medikament, das nur einmal pro Woche oder einmal pro Monat eingenommen werden muss und rund 8 Dollar im Jahr kosten soll. Dies könnte die weltweite HIV-Epidemie auf unserem Planeten ein für alle Mal stoppen.
10. Schlüssel in der Tasche: Warum das wichtigste Gadget für Sex am Schlüsselbund hängt
Der häufigste Grund für ungeschützten Sex ist schlicht mangelnde Vorsorge: Viele vergessen einfach, ihre Tabletten zu einem Date oder auf eine Party mitzunehmen. Die Lösung erwies sich als genial einfach. Aktivisten entwickelten einen winzigen, luftdicht verschließbaren Schlüsselanhänger aus Metall, in den genau zwei PrEP-Tabletten passen.
Dieses Mini-Gadget hast du am Schlüsselbund immer dabei. Es rettet dich in zwei Situationen: wenn du morgens vergessen hast, deine reguläre Tablette zu Hause einzunehmen, oder wenn du in einer Bar plötzlich genau diesem umwerfenden Mann begegnest und dir klar wird, dass ihr heute nicht nach Hause gehen werdet. Der Anhänger wird zu deinem Erste-Hilfe-Schutzset, das du immer griffbereit hast.
Wichtiger Hinweis: Dieser Text ersetzt keinen Arztbesuch
All diese Informationen zu den Einnahmeschemata bieten eine hervorragende Grundlage zum Verständnis. Denk aber daran: Journalistinnen, Journalisten und Aktivisten sind nicht deine behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Bevor du mit der Einnahme von PrEP oder PEP beginnst, musst du dich unbedingt von einer qualifizierten Fachkraft beraten lassen oder eine Klinik für sexuelle Gesundheit aufsuchen..
Nur eine medizinische Fachkraft kann deine individuellen Risiken richtig einschätzen, die erforderlichen Blutuntersuchungen durchführen und deine Nierenfunktion überprüfen, um sicherzustellen, dass dir das Medikament nicht schadet. Deine Meinung und deine Stimme sind bei Entscheidungen über deine sexuelle Gesundheit wichtig, doch eine ärztliche Überwachung ist eine zwingende Voraussetzung für deine Sicherheit. Nimm Medikamente nicht auf eigene Faust ein und lass dich immer ärztlich beraten.
Der Artikel wurde auf Grundlage von Aufklärungsmaterialien des Terrence Higgins Trust (tht.org.uk) erstellt..
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