Er ist vor zwei Jahren umgezogen. Er hat eine Wohnung gemietet, einen Job gefunden, zahlt gewissenhaft seine Steuern und scheint irgendwie „auf eigenen Beinen zu stehen“. Auf die Frage „Wie geht’s?“ antwortet er: „Ganz okay.“ Doch abends sitzt er allein da, scrollt durch seinen Feed, telefoniert mit Freunden, die schon lange nicht mehr in seiner Nähe sind, und kann nicht in Worte fassen, was genau mit ihm nicht stimmt. Zu einem Psychologen zu gehen, ist ihm peinlich. Seinem Partner davon zu erzählen – er will ihn nicht belasten. Im Diaspora-Chat zu schreiben – dort wird ohnehin nur über Politik diskutiert. Am Ende bleibt nur Schweigen.
Das ist kein Einzelfall, sondern ein durchaus vertrautes Szenario. Und während russischsprachige Medien recht häufig über Ängste in der Emigration, Nostalgie und „Emigrantendepression“ schreiben, bleibt die männliche Erfahrung von Einsamkeit fast immer unerwähnt – als müssten Männer damit ganz selbstverständlich schweigend allein fertigwerden.
Inhaltsverzeichnis
Eine Emigration – unterschiedliche Strategien
Psychologen, die mit Menschen nach einem Umzug ins Ausland arbeiten, sind sich in einem Punkt einig: Der Prozess der Emigration an sich unterscheidet nicht nach Geschlecht, die Strategien zu ihrer Bewältigung hingegen sehr wohl. Frauen lernen von Kindheit an, über Gefühle zu sprechen, Unterstützung zu suchen und sich in neue soziale Kreise einzufügen. Männer dagegen lernen, das Gesicht zu wahren und sich nicht anmerken zu lassen, wenn es ihnen schlecht geht. In der Emigration wird dieser Unterschied zur Falle.
Eine aufschlussreiche Studie führte der belarussische Psychologe Iwan Wassiljuk, der 160 Männer zwischen 18 und 60 Jahren in Litauen, Polen, Georgien und anderen Ländern befragte. Er stellte fest, dass das typische Szenario folgendermaßen aussieht: Ein Mann zieht wegen seiner Arbeit oder aus Sicherheitsgründen in ein anderes Land und versorgt seine Familie finanziell – damit scheint seine Rolle erfüllt zu sein. Während seine Partnerin oder sein Partner den Alltag organisiert, die Sprache lernt und neue Kontakte knüpft, bleibt der Mann in seiner „Arbeitsblase“ und hat größtenteils mit denselben Kollegen Kontakt wie vor dem Umzug. Nach ein paar Jahren stellt sich heraus, dass er die Sprache immer noch nicht gelernt hat und nicht weiß, wo sich das nächste Krankenhaus befindet – dafür haben sich Ängste und Gereiztheit angestaut.
Das Alter, in dem es am schwierigsten ist
Derselben Studie zufolge sind Männer zwischen 30 und 45 Jahren die verletzlichste Gruppe. Gerade in diesem Alter erreichen die gesellschaftlichen Erwartungen meist ihren Höhepunkt: Wohnung, Auto, Status, Stabilität. Wenn all das in der Heimat bereits erreicht war und man nach dem Umzug noch einmal von vorn anfangen musste – mit einer Mietwohnung und einer auf null gesetzten Karriere –, trifft das das Selbstwertgefühl besonders hart. Ältere Männer kommen nach Beobachtung des Psychologen mit der Emigration leichter zurecht: Sie müssen niemandem mehr etwas beweisen.
Ein eigenes Thema ist die Auflösung der Identität. Wenn ein Traum, in den man Jahre investiert hat – etwa eine eigene Wohnung oder berufliche Anerkennung –, nach dem Umzug seinen Sinn verliert und sich noch kein neuer herausgebildet hat, gerät man in einen Schwebezustand: Man weiß nicht, wovon man jetzt träumen soll, und schämt sich dafür, sich etwas „Kleines“ zu wünschen. Kommt dazu noch ein unfreiwilliger Berufswechsel – wenn ein Lehrer als Taxifahrer und ein Ingenieur als Kurier arbeitet –, ergibt sich das klassische Szenario eines Verlusts männlicher Identität, über den Männer fast nie offen sprechen.
Eine Diaspora, in der man nicht über Alltägliches sprechen kann
Ein weiteres Problem, das der postsowjetischen russischsprachigen Diaspora besonders vertraut ist, betrifft die Art der Kommunikation innerhalb der Community selbst. Die von Wassiljuk befragten Männer berichteten: Man kommt in eine Diaspora-Gemeinschaft, um sich persönlich auszutauschen, doch dort wird ausschließlich über Politik und politische Gefangene gesprochen. Über Alltag, Sport und das gewöhnliche Leben zu sprechen – also über das, was eigentlich fehlt – ist dort nahezu unmöglich. So hinterlässt ein Raum, der theoretisch Halt geben sollte, dasselbe Gefühl der Einsamkeit, nur diesmal unter „Seinesgleichen“.
Das ist derzeit besonders relevant, da die Bedingungen für russische und belarussische Kriegsgegner in der EU verschärft werden und die Themen Politik und legaler Aufenthaltsstatus ohnehin ständig auf einem lasten. Die Räume der Diaspora drohen endgültig zu Orten der Angst statt der Unterstützung zu werden, wenn dort nicht gezielt Raum für Gespräche geschaffen wird, in denen es nicht nur ums Überleben, sondern auch ums Leben geht.
Stereotype, die Männer härter treffen, als man denkt
Eines der gefährlichsten Stereotype ist die Überzeugung, ein Mann müsse stark sein und allein zurechtkommen. Sie wirkt selbst dort als Barriere, wo Hilfe buchstäblich zum Greifen nah ist: Die Betroffenen scheuen sich nicht nur davor, einer Psychologin oder einem Psychologen einzugestehen, dass es ihnen schlecht geht, sondern sogar gegenüber der eigenen Partnerperson oder einem Freund. Eine weitere, weniger offensichtliche Folge: Auch Männer, denen es in der Emigration gut geht, schweigen häufig darüber. Denn in der Community ist es unüblich zu sagen: „Bei mir ist alles in Ordnung“ – das wird beinahe als Affront gegen die allgemeine Stimmung wahrgenommen.
Hinzu kommt die Angst, eine Beziehung einzugehen: Wer die Vorstellung verinnerlicht hat, dass nur ein erfolgreicher Mann eine Beziehung führen dürfe, während der eigene Status nach dem Umzug gesunken ist, geht mitunter in die Vermeidung – entweder wird Nähe ganz abgelehnt oder auf ein unverbindliches Format reduziert. Das Ergebnis ist dasselbe: zunehmende Isolation.
Was mit den Familien geschieht
Auch bei Paaren, die gemeinsam umziehen, verändert sich die Dynamik. Während die Partnerin oder der Partner – häufig durch Sprachkurse, die Arbeit mit einheimischen Kolleginnen und Kollegen oder über die Schule der Kinder – schneller in der neuen Umgebung Fuß fasst, bleibt der Mann außen vor und beschränkt sich auf eine einzige Funktion: Geld zu verdienen. Aus dieser engen Rolle verschwinden nach und nach die anderen: Ehemann, Vater, Freund. Daraus entstehen routinemäßige, auf den ersten Blick alltägliche Konflikte („Nach zwei Jahren im Land weiß er immer noch nicht, wo er für das Kind einen Arzttermin vereinbaren soll“), die in Wirklichkeit auf eine tiefer liegende Entfremdung hindeuten.
Auch das umgekehrte Szenario ist möglich: Wenn die Partnerin oder der Partner nicht arbeitet und ganz im Haushalt aufgeht, während der Mann Anschluss an die örtliche Gesellschaft findet, fällt ihm die Anpassung leichter. Dann treten jedoch andere Probleme zutage – bis hin zu einer Verschiebung der Rollen in der Beziehung: Die Partnerperson wird eher als „Kind“ wahrgenommen, um das man sich kümmern muss, denn als gleichberechtigter Mensch.
Es gibt auch eine gegenläufige Dynamik: Wenn sich die Partnerin oder der Partner schneller anpasst und erfolgreicher wird, stellt sich für das Paar mitunter ganz unmittelbar die Frage nach dem Sinn der Beziehung. Keines dieser Szenarien ist die „Norm“ – doch sie alle weisen auf dasselbe hin: Tempo und Art der Anpassung stimmen bei den Partnern selten von selbst überein. Wird diese Diskrepanz nicht thematisiert, entwickelt sie sich zu einem Riss.
Der Körper als letzte Verteidigungslinie
Eine weitere typisch männliche Besonderheit ist die Strategie, „erst zum Arzt zu gehen, wenn es gar nicht mehr anders geht“. In einem neuen Land, dessen Gesundheitssystem unübersichtlich ist und in dem man es nicht gewohnt ist, Symptome in einer Fremdsprache zu beschreiben, verstärkt sich diese Strategie noch. Die körperliche Gesundheit wird ebenso ignoriert wie die psychische – und beide Prozesse verstärken sich gegenseitig: Angst und Gereiztheit, die sich ohne Ventil angestaut haben, äußern sich nicht selten nicht mehr als Erschöpfung, sondern als Aggression – auch innerhalb der Familie.
Was wirklich hilft
Fachleute, die sich mit diesem Thema beschäftigen, sind sich in mehreren praktischen Punkten einig – ohne Patentrezepte, aber mit hilfreichen Orientierungspunkten:
- Nicht versuchen, mit dem Tempo anderer mitzuhalten. Jeder Mensch passt sich in seinem eigenen Tempo an, und das ist normal – selbst wenn es Jahre statt Monate dauert, bis man im neuen Leben wirklich angekommen ist.
- Unterstützung suchen, bevor einem alles über den Kopf wächst. Therapie ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern ein Werkzeug, das sich oft sogar finanziell auszahlt: weniger Prokrastination, mehr Energie für Arbeit und Beziehungen.
- Das soziale Umfeld nicht nach der Sprache, sondern nach gemeinsamen Interessen auswählen. Wer nur mit russisch- oder belarussischsprachigen Menschen verkehrt, reproduziert oft alte Vermeidungsmuster, statt sich in das neue Leben einzufinden.
- Nicht das ganze Leben auf eine einzige Rolle reduzieren. Geld zu verdienen ist nicht die einzige Aufgabe; Partnerschaft, Freundschaften, Hobbys und körperliche Aktivität sind für die psychische Stabilität nicht weniger wichtig.
- Den Körper wieder in Bewegung bringen und den Gedanken eine Form geben. Regelmäßige körperliche Aktivität und die einfache Gewohnheit, die eigenen Befindlichkeiten in Worte zu fassen – laut, in einem Tagebuch oder gegenüber irgendjemandem –, sind kein Allheilmittel, senken aber nachweislich das Angstniveau.
Warum es gerade jetzt wichtig ist, darüber zu sprechen
Die Emigration aus Russland und Belarus in den vergangenen Jahren gleicht immer weniger einem „Start-up-Visum für IT-Fachkräfte“ und immer mehr einem langwierigen Prozess ohne klares Ende: Die Einwanderungsbestimmungen werden strenger, die Kontrollen von Staatsangehörigen Russlands und Belarus in Ländern wie Litauen nehmen zu, und die Gespräche innerhalb der Diaspora drehen sich weiterhin um Politik, ohne Raum für ein schlichtes „Mir geht es nicht gut“ zu lassen. Unter diesen Bedingungen ist das Schweigen von Männern kein individueller Charakterzug, sondern ein systemischer Effekt: eine Kombination aus Migrationsstress, Männlichkeitsstereotypen und einem Mangel an Orten, an denen man nicht nur über den Krieg und politische Gefangene, sondern auch über sich selbst sprechen kann.
Mit einem einzigen Text lässt sich das nicht ändern. Aber man kann das Problem zumindest benennen – und denen, die jetzt abends schweigend mit dem Handy in einer neuen Mietwohnung sitzen, vermitteln: Das ist keine persönliche Schwäche, sondern ein vorhersehbarer Teil eines Prozesses, den viele durchlaufen. Und dass man offen darüber sprechen kann, ist schon für sich genommen ein Schritt dahin, dass es leichter wird.
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