In der Schwulenszene wird seit Jahren über den sogenannten „Top shortage“ diskutiert – den Mangel an „Aktiven“ (Partnern, die beim Sex die penetrierende Rolle bevorzugen). Lange Zeit galt dies lediglich als Stoff für Memes, doch eine neue groß angelegte Studie, die am 11. August 2026 im The Journal of Sex Research veröffentlicht wurde, zeigte: Die Verteilung der sexuellen Rollen verändert sich tatsächlich, und diese Veränderungen stehen in direktem Zusammenhang mit dem Generationenwechsel.
Wir erklären, was Forschende aus Oxford und Manchester bei der Untersuchung der Profile von mehr als 140.000 Nutzern herausgefunden haben und warum „Vielseitigkeit“ zum neuen Standard wird.
Was für eine Studie ist das?
Die Forschenden analysierten anonymisierte Daten von 141 156 aktiven Nutzern der weltweit verfügbaren Dating-App Surge. Sie wollten herausfinden, wie sich Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), heute selbst einordnen und ob diese Präferenzen vom Alter und der Wohnregion abhängen.
Wichtig ist, dass sich die Studie auf fünf in der App verfügbare Kategorien stützte: „aktiv“ (Top), „passiv“ (Bottom), „vielseitig“ (Versatile), „keine Penetration“ (Not Into Penetration) und „nicht angegeben“ (Unspecified).
Die wichtigste Erkenntnis: Es gibt tatsächlich immer weniger „Aktive“ (unter jungen Männern)
Die Daten bestätigen: Je jünger die Generation, desto seltener wählen ihre Angehörigen die Rolle „aktiv“.
- Unter den Nutzern, die ihre Rolle angegeben haben, „passiv“ bezeichneten sich 38,5%, „versatil“ — 37,4%, und nur 20,6% identifizierten sich als „aktiv“.
- In der jüngsten Altersgruppe (18–19 Jahre) liegt der Anteil der „Passiven“ bei über 50 %.
- Dagegen entscheidet sich die „ältere Generation“ (in der Szene gemeinhin als „daddies“ bezeichnet) deutlich häufiger für die aktive Rolle oder verzichtet ganz darauf, im Profil eine Position anzugeben.
Die Modellierung ergab, dass die Wahrscheinlichkeit, sich als „passiv“ zu identifizieren, mit zunehmendem Alter stark sinkt: von 16,1 % im Alter von 20 Jahren auf 2,5 % mit 65 Jahren. Der Anteil der „Aktiven“ steigt im selben Zeitraum von 5,6 % auf 10,1 %.
Warum entscheiden sich Angehörige der Generation Z häufiger für die passive oder versatile Rolle?
Forschende nennen mehrere Gründe dafür, dass junge Menschen eine größere Flexibilität zeigen:
- Abnehmende Stigmatisierung. Traditionell wurde die passive Rolle mit einem Verlust an Männlichkeit oder einer „weiblichen Rolle“ assoziiert, was zum Phänomen des „Bottom-Shamings“ führte. Die jüngere Generation (Gen Z) ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der diese Tabus allmählich verschwinden und die rezeptive Rolle nicht mehr als entwürdigend wahrgenommen wird.
- Abkehr von starren binären Kategorien. Angehörige der Generation Z neigen generell dazu, starre Kategorien zu vermeiden. Die Studie zeigte, dass sie häufiger die Bezeichnung „versatil“ verwenden oder solche Bezeichnungen kontextabhängig einsetzen, da sie Identität als etwas Fließendes betrachten.
- Einfluss der Technologie. Dating-Apps machen die Angabe einer Rolle praktisch erforderlich, um die Partnersuche zu vereinfachen. Dadurch müssen sich junge Menschen schneller festlegen, als dies bei früheren Generationen der Fall war.
Auch die geografische Lage spielt eine Rolle
Sexuelle Vorlieben sind weltweit ungleich verteilt. Die Studie zeigte interessante regionale Trends:
- Europa und Ozeanien: Hier ist die beliebteste Rolle „versatil“.
- Nordamerika und Afrika: In diesen Regionen überwiegen „Passive“.
- Asien: Hier wurde der höchste Anteil derjenigen verzeichnet, die praktiziert keine Penetration (7,3%).
Interessanterweise geben Nutzer in Regionen mit stärkerer gesellschaftlicher Stigmatisierung (zum Beispiel in einigen Teilen Afrikas) seltener überhaupt eine Rolle an, was mit Sicherheits- und Privatsphärebedenken zusammenhängen könnte.
Bedeutet das, dass die „Aktiven“ verschwinden werden?
Nicht ganz. Die Studie weist einige wichtige Einschränkungen auf:
- Die Mehrheit schweigt. Fast 68,6% der Nutzer ließen das Feld „Rolle“ leer. Das kann sowohl bedeuten, dass sie sich nicht in eine Schublade stecken lassen wollen, als auch, dass es ihnen schlicht egal ist.
- Identität ≠ Verhalten. Soziologen betonen: Was jemand in sein Profil schreibt (Identität), stimmt nicht immer mit dem überein, was er im Schlafzimmer tut (Verhalten). Viele „Aktive“ oder „Passive“ verhalten sich in der Praxis je nach Partner vielseitig.
- Besonderheiten der App. Die Daten stammen nur aus einer einzigen App (Surge). Nutzer von Grindr, Sniffies oder anderen Plattformen weisen möglicherweise andere Muster auf.
Dennoch kommen die Forschenden zu dem Schluss: Sexuelle Rollen bleiben eine wichtige Dimension der MSM-Kultur, werden jedoch zunehmend flexibler. Der „Aktivenmangel“ ist möglicherweise weniger auf das tatsächliche Fehlen entsprechender Personen zurückzuführen, sondern vielmehr ein Ausdruck dessen, dass sich die moderne Schwulen-Community nicht mehr ein Leben lang auf eine einzige Rolle festlegen möchte.
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