В соцсетях с завидной регулярностью всплывает один и тот же «сенсационный» тезис: якобы почти 28% гомосексуальных мужчин имели за жизнь более 1000 сексуальных партнеров. Эта цифра неизменно вызывает бурю в комментариях, подпитывая самые разные стереотипы о квир-сообществе.
Doch hinter dieser provokanten Infografik verbirgt sich ein klassisches Beispiel dafür, wie zweifelhafte Soziologie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem ewigen viralen Mythos wird. Wir schauen uns an, woher diese Statistik kommt und warum es heute ein großer Fehler ist, sie für bare Münze zu nehmen.
Was ist das überhaupt für eine Studie?
Die Wurzeln der Geschichte reichen bis ins Jahr 1978 zurück, als der Psychologe Alan P. Bell und der Soziologe Martin S. Weinberg vom Kinsey Institute eine umfangreiche Arbeit veröffentlichten „Homosexualities“. Die Autoren versuchten, die Ideen des Sexualforschungs-Pioniers Alfred Kinsey weiterzuentwickeln und das Leben homosexueller Menschen detailliert zu beschreiben — zu jener Zeit war das eine beinahe revolutionäre Aufgabe.
Die Studie half tatsächlich in vieler Hinsicht dabei, mit den homophoben Vorurteilen ihrer Zeit zu kämpfen. Doch Jahrzehnte später räumt selbst die wissenschaftliche Gemeinschaft ein: Die Methodik dieser Arbeit hält, milde gesagt, einer Kritik aus heutiger soziologischer Sicht nicht stand.
Warum die Stichprobe nichts mit „Schwulen allgemein“ zu tun hat
Wenn man sich anschaut, wie genau die Daten für die berühmte Zahl von 28 % gesammelt wurden, hört das Bild auf, „universell“ zu sein — aus mehreren Gründen sofort.
Ort und Zeit. Bell und Weinberg führten ihre Interviews ausschließlich im San Francisco der späten 1960er- bis 1970er-Jahre. Damals war das nicht nur eine Stadt mit einer großen Gay-Szene, sondern das Epizentrum einer einzigartigen, mit nichts vergleichbaren Subkultur mitten in der sexuellen Revolution — noch vor der AIDS-Epidemie, die die Sexualpraktiken einer ganzen Generation veränderte. Die Sitten des damaligen San Francisco auf alle übrigen queeren Menschen in den USA zu übertragen, ganz zu schweigen vom Rest der Welt, ist ein methodischer Fehler von nahezu anekdotischem Ausmaß.
Wen genau man befragte. Die Forscher sprachen mit 686 Männern, rekrutierten ihre Befragten aber vor allem in Gay-Bars und Bädern (also im Grunde in Sexclubs) der Stadt — Orten, die speziell für zufällige sexuelle Kontakte geschaffen wurden. Anders gesagt, in die Stichprobe kam der sexuell aktivste und unkonventionellste Teil der Szene, keineswegs ein „durchschnittlicher“ schwuler Mann aus einem typischen Vorort.
Wer genau in die Stichprobe kam. Ein besonderer Aspekt, der in clickbaitigen Reposts aus irgendeinem Grund nie erwähnt wird: Nach Einschätzung der Forschenden war etwa ein Viertel der befragten Männer zum Zeitpunkt der Erhebung in der Sexarbeit tätig — und das verzerrte zwangsläufig die Endzahlen zur Zahl der Partner [1].
Die Autoren selbst, nebenbei bemerkt, warnten ganz offen davor. Im Buch heißt es ausdrücklich, dass die mangelnde Repräsentativität der Stichprobe keine Verallgemeinerungen über die Verbreitung dieses oder jenes Phänomens zulässt, selbst nicht innerhalb der untersuchten Stadt, geschweige denn für die Gesamtbevölkerung [2].
Wer hält den Mythos am Leben
Hier gibt es noch eine weitere Ebene, über die man ebenfalls gesondert sprechen sollte. Die Zahl «28% геев имели больше 1000 партнеров» — ist kein zufälliger viraler Statistikfetzen, der einfach so herumgeistert. Er hat durchaus konkrete Ursprünge im heutigen Internet: vor allem religiöse und konservative Ressourcen wie CARM (Christian Apologetics & Research Ministry) und Exodus Global Alliance, die seit Jahren Sammlungen „schockierender Statistiken über Homosexualität“ mit diesem Zitat veröffentlichen [3][4]. Daher taucht die Formulierung in Blogs, Memes und schließlich in den sozialen Netzwerken fast wortwörtlich immer wieder auf.
Und was sagen die aktuellen Daten
Hier ist das Wichtigste. Seit der Studie von Bell und Weinberg sind fast ein halbes Jahrhundert vergangen, und seitdem sind Dutzende weitaus größere und repräsentativere Untersuchungen zum sexuellen Verhalten schwuler und bisexueller Männer in verschiedenen Ländern erschienen.
Ihr Fazit steht im drastischen Widerspruch zur viralen Zahlenspirale: Die typische Zahl sexueller Partner im Laufe des Lebens liegt bei schwulen Männern bei etwa 10–20 — das heißt, die Meme-Zahl ist um Größenordnungen überhöht [5].
Interessant ist, dass man im selben Spiel des selektiven Zitierens auch Studien mit umgekehrter Schieflage findet: So verzeichnete Kinsey 1948 und auch in späteren Stichproben bei Schwulen im Durchschnitt sogar weniger Partner als bei heterosexuellen Männern [5]. Der Punkt ist: Jede aus dem Kontext gerissene Zahl, die auf einer nicht repräsentativen Stichprobe beruht, ist eine schlechte Grundlage für Aussagen über eine ganze soziale Gruppe, ganz gleich, in welche Richtung sie verzerrt ist.
Warum der Mythos im 21. Jahrhundert nicht stirbt
Algorithmen sozialer Netzwerke ist der Kontext, die Repräsentativität von Stichproben und die wissenschaftliche Kritik völlig egal. Die Überschrift «30 % der Schwulen haben 1000 Partner» funktioniert perfekt auf Aufmerksamkeit: Sie schockiert ein konservatives Publikum und bringt progressive Leute dazu, darüber zu streiten — und bedeutet, dass es immer und immer wieder repostet wird, unabhängig davon, was dort auf Seite 308 des Buches von 1978 tatsächlich steht.
Am Ende lebt ein lokaler Ausschnitt aus der Bar- und Clubszene von San Francisco aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts weiter als „absolute Wahrheit über Queer-Menschen“. Dabei sagt diese Zahl in Wahrheit nur eines aus: wie langlebig schöne, aber völlig aus dem Kontext gerissene Mythen im Internet sein können.
Quellen:
[1] RationalWiki — Widerlegt: Schwule Männer haben 500–1000 Partner — Detaillierte Analyse der Herkunft und der Probleme der Studie von Bell und Weinberg
[2] Bell, A., Weinberg, M. Homosexualitäten (1978), S. 22 — Hinweis der Autoren auf die Nichtrepräsentativität der Stichprobe
[3] CARM.org — Statistiken zur sexuellen Promiskuität unter Homosexuellen
[4] Exodus Global Alliance — eine der ersten Plattformen, die ein Zitat von Bell und Weinberg aus dem Kontext gerissen und weit verbreitet hat
[5] Übersicht über moderne repräsentative Studien zum Sexualverhalten schwuler und bisexueller Männer — siehe Quellenüberblick im RationalWiki-Artikel
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