Warum melden LGBTQ-Personen seltener Missbrauch in Beziehungen und welche unsichtbaren Hürden begegnen sie, wenn sie versuchen, einen tyrannischen Partner zu verlassen? Die Psychotherapeutin Katie Gillis analysiert die wahren Geschichten der Opfer, die Auswirkungen von "Minderheitenstress" und die blinden Flecken des Versorgungssystems.
Eric saß im Büro des Therapeuten und schwieg.
"Ich weiß, jeder denkt, es gibt einen Ausweg", sagte er schließlich. "Also, er ist aufgestanden und gegangen. Aber die Menschen sehen überhaupt nicht, was danach beginnt. Sie haben keine Ahnung, was es wert ist, überhaupt versucht zu werden.
Sein Partner machte sein Leben zum Albtraum, indem er ihm regelmäßig drohte, ihn zu "outen": Er versprach, allen die Details ihrer Beziehung und Erics Orientierung zu erzählen. Für Eric bedeutete das den sofortigen Verlust seines Jobs und den Zusammenbruch der Hoffnungen auf das teilweise Sorgerecht für seine Tochter aus einer früheren Ehe.
Sobald Eric auf eine Trennung hindeutete, schaltete sein Partner sofort das klassische Gaslighting ein: "Wer würde einem schwulen Mann glauben, der sich über Gewalt beschwert?" Oder noch schlimmer – er drückte auf sein Gewissen: "Wenn du gehst, wirst du nur all die schmutzigen Stereotype über gleichgeschlechtliche Paare bestätigen, die die Gesellschaft bereits hat.".
"Ich verstehe nicht, was real ist und was nicht", gab Eric zu. "Ein Teil von mir schreit, dass das die Hölle ist und ich rennen muss. Und der zweite flüstert, dass es einfach unrealistisch ist, zu gehen.
Eric blieb nicht, weil er "schwach" war oder die Gefahr nicht sah. Er blieb, weil jahrelange Isolation, psychischer Belastung und völliger Mangel an Unterstützung von außen die Flucht für seine Karriere, Familie und Zukunft tödlich machten.
Doppelte Falle: Trauma plus Stigma
Eine toxische oder missbräuchliche Beziehung zu verlassen, ist für jeden beängstigend. Für LGBTQ-Überlebende hingegen ist dieser Weg mit zusätzlichen Minen übersät, die die meisten Menschen gar nicht bemerken.
Psychotherapeuten, die mit Trauma- und LGBTQ-Klienten arbeiten, beobachten oft das sogenannte Doppeltes Leiden: Erstens erlebt eine Person Schmerz durch die Gewalt selbst, und die Last des sozialen Stigmatismus lastet von oben auf ihr.
Missbraucher sind sich dessen sehr bewusst und nutzen die Schwachstellen des Systems geschickt gegen das Opfer aus:
Einschüchterung durch "Offenlegung": Er drohte, über Geheimnisse bei der Arbeit, in der Familie oder unter Freunden zu sprechen.
Abschreibung: und suggeriert, dass Polizei, Gerichte und Krisenzentren Beschwerden über Lachen einreichen werden.
Falsche Schande: Manchmal schweigen Opfer bis zum Schluss, aus Angst, ihre gesamte Gemeinschaft zu "aufbauen" und unnötige Negativität anzuziehen.
Der blinde Fleck der Gesellschaft
Lange Zeit glaubte man, dass häusliche Gewalt ein Problem ausschließlich für heterosexuelle Paare sei. Das Thema Missbrauch in nicht-heterosexuellen Beziehungen wird erst kürzlich von Wissenschaftlern erforscht.
Das Ausmaß des Problems wurde erst Anfang der 2010er Jahre bekannt, als die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) eine beispiellose groß angelegte Studie veröffentlichten. Die Zahlen waren schockierend: Es stellte sich heraus, dass lesbische und bisexuelle Männer noch häufiger schwerer körperlicher Gewalt ausgesetzt sind als heterosexuelle Menschen.
Aber Statistik ist Statistik, und die Realität ist eine andere. Trotz der monströsen Risiken wissen die überwiegende Mehrheit der Krisenzentren, Hotlines und Hilfsdienste immer noch nicht, wie sie mit LGBTQ-Opfern arbeiten sollen, sodass sie mit ihrem Schicksal allein zurückbleiben.
P.S. Dieser Auszug stammt teilweise aus dem Buch von Kaytee Gillis (LCSW), einer lizenzierten klinischen Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin und Traumaspezialistin. Originaltitel: Unsichtbare Blutergüsse: Wie ein besseres Verständnis der Muster häuslicher Gewalt Überlebenden helfen kann, sich im Rechtssystem zurechtzufinden («Невидимые синяки: как лучшее понимание закономерностей домашнего насилия может помочь пострадавшим ориентироваться в правовой системе»). Подготовлено по материалам журнала (с) Psychologie heute
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