In der Renaissance stand gleichgeschlechtlicher Sex zwischen Männern formal unter Todesstrafe, doch in Florenz war nahezu die Hälfte der Bevölkerung in solche Praktiken verwickelt. Dabei wäre es verfehlt, die Praktiken der Renaissance mit der heutigen LGBTQ+-Bewegung gleichzusetzen: Sie bildeten eine starre soziale Institution, die von patriarchalen Hierarchien, dem mangelnden Zugang zu Frauen und tief verwurzelter Misogynie geprägt war.
Anhand einer Vorlesung des Kunsthistorikers Artur Tschech erzählen wir, wie antike Mythen als „Sexting“ der Renaissance dienten, warum das Zeigen der Beine als männliches Privileg galt und wie Michelangelo mithilfe einer Zeichnung seine Liebe gestand.
Doppelmoral: Todesstrafe und Mentorenwesen
Im 15. und 16. Jahrhundert erlebte Florenz einen rasanten Aufschwung von Wissenschaft und Kunst und löste sich allmählich vom religiös geprägten Mittelalter. In der Gesellschaft entstand ein seltsamer Widerspruch: Sex zwischen Männern wurde mit dem Tod oder mit Geldstrafen geahndet, doch praktisch jeder zweite Mann schlief mit jungen Männern, und kaum jemand verheimlichte es.
Dieses Modell ging unmittelbar auf die antiken Traditionen des alten Griechenlands zurück, wo Sex mit einem jungen Mann als Zeichen von Männlichkeit, Autorität und Dominanz galt. Die Logik dahinter war streng patriarchalisch: Die empfangende (passive) Rolle wurde als verweichlicht und feminin wahrgenommen.
In Italien bildete sich ein klarer, nach Alter und sozialem Status gegliederter Ritus heraus:
- Junge Männer (bis zum Alter von 18–20 Jahren) übernahmen die Rolle passiver Partner und waren für ihre älteren Gönner faktisch „Ehefrauen“, von denen sie Geld, Arbeit und soziale Kontakte erhielten.
- Mit Erreichen des 20. Lebensjahres wurden dieselben jungen Männer zu „Aktiven“ und gingen Beziehungen mit jüngeren Jungen ein.
- Mit 30–32 Jahren (dem durchschnittlichen Heiratsalter) heirateten die Männer ganz selbstverständlich Frauen, und ihre früheren gleichgeschlechtlichen Beziehungen warfen keinerlei dunklen Schatten auf sie.
Auch unter Klerikern waren solche Praktiken allgegenwärtig: Priester praktizierten nicht selten miteinander und mit Gemeindemitgliedern Petting und Sodomie, und zwar direkt in den Kirchen während des Gottesdienstes.
Misogynie und Unzugänglichkeit der Frauen
Die weite Verbreitung gleichgeschlechtlicher Beziehungen erklärte sich nicht nur durch die sozialen Institutionen, sondern auch durch die damaligen Lebensumstände:
- Unzugänglichkeit der Frauen: Mädchen bewegten sich nur selten ohne Aufsicht ihrer Verwandten auf der Straße, und der Verlust der Jungfräulichkeit vor der Ehe galt als Schande.
- Männlicher Raum: Männer und junge Männer verbrachten ihre gesamte Zeit miteinander — sie arbeiteten in Werkstätten, erholten sich in Clubs, badeten nackt in Badehäusern und sahen ständig die Körper der anderen.
- Radikale Misogynie: Das weibliche Geschlecht galt in geistiger, körperlicher und emotionaler Hinsicht als minderwertig. Gestützt auf Aristoteles, der behauptete, „die Frau sei eine schmutzige Kopie des Mannes“, betrachtete die patriarchale Kultur ausgerechnet den männlichen Körper als Ideal der Schönheit und Vollkommenheit.
Вопреки стереотипу о том, что «все художники Ренессанса были геями», исторические данные показывают, что среди живописцев таких было не более 3%. Чаще всего в содомии обвиняли представителей рабочего класса (портных, музыкантов, барменов), однако во Флоренции в подобные практики были вовлечены более 50% знатных семейств, которым удавалось скрывать следы с помощью подкупов.
Mythologie als „Sexting“ des 16. Jahrhunderts
Da die Gesellschaft von der antiken Mythologie fasziniert war, dienten gleichgeschlechtliche Motive regelmäßig als Sprache der Andeutungen und Liebeserklärungen.
Zum zentralen Motiv wurde der Mythos von Jupiter und Ganymed — die Geschichte eines jungen Hirten, den der Gott in Gestalt eines Adlers auf den Olymp entführte. Frauenhasser jener Zeit waren begeistert davon, dass Jupiter für Ganymed seine eigene Tochter Hebe ihres Amtes als Mundschenkin enthob und den jungen Mann an ihre Stelle setzte.
Im Jahr 1532 zeichnete der 57-jährige Michelangelo, dessen Neigung zu Männern vielen bekannt war, für den jungen Adligen Tommaso Cavalieri „Die Entführung Ganymeds“. Auf der Zeichnung umschließt der Adler den jungen Mann mit seinen Flügeln, während sich das Becken des Adlers genau hinter dem Gesäß des jungen Mannes befindet und so eine Penetrationsszene nachahmt. Im damaligen Kontext war dies das direkte Gegenstück zum modernen „Sexting“ und zugleich eine Liebeserklärung.
Auch andere Meister verwendeten ähnliche Motive:
- Correggio stellte Ganymed mit einem koketten Blick dar, der Flirtbereitschaft und gegenseitiges Einvernehmen andeutete.
- Benvenuto Cellini schuf die Skulptur eines Jünglings, der einen Adler streichelt.
- In Angelo Polizianos Theaterstück über Orpheus wurden Männer ausdrücklich dazu aufgefordert, ihre Frauen und Kinder zu verlassen, um mit schönen Jünglingen zusammenzuleben.
Phallische Pfeile und Miniröcke für Männer
Die Symbolik gleichgeschlechtlicher Liebe fand auch Eingang in die religiöse Kunst:
- Der heilige Sebastian: Bei Sandro Botticelli und anderen Meistern wurde der Körper des Heiligen betont ästhetisiert dargestellt, und sein Gesicht spiegelte nicht Qual, sondern Ekstase beim Eindringen der phallischen Pfeile wider.
- Davidstatuen (Donatello und Verrocchio): Die Skulpturen der Jünglinge betonten runde Körperformen, die Hüften und die nackten Beine.
- Männerbeine als erotisches Objekt: Bis ins 20. Jahrhundert hinein war das Zeigen nackter Beine ausschließlich Männern vorbehalten – eigens für Männer wurden Strümpfe und Miniröcke entworfen, die Waden und Gesäß betonten.
- Gesten der Inbesitznahme: Auf Raffaels Fresken in der Villa Chigi fasst Jupiter Amor mit den Fingern am Kinn – im 15. und 16. Jahrhundert wurde diese Geste eindeutig als Aufforderung zu einer Liebesbeziehung verstanden.
Italien im Gegensatz zu Nordeuropa
Das freizügige italienische Modell war in Europa einzigartig. Im Norden des Kontinents ging man mit diesen Motiven deutlich konservativer um:
- In Frankreich wurde der Mythos von Ganymed ausschließlich allegorisch gedeutet – als Liebe der menschlichen Seele zu Gott –, während die Günstlinge König Heinrichs III. verspottet wurden.
- In den Niederlanden dienten Darstellungen Ganymeds bis ins 17. Jahrhundert als Gedenkporträts früh verstorbener Kinder (die einzige Ausnahme bildete Peter Paul Rubens).
Die Renaissancekultur von Florenz belegt, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen in allen Epochen der Menschheitsgeschichte existierten. Damals stellten sie jedoch keine persönliche Identität oder Lebensweise dar, sondern waren Teil einer starren Gesellschaftsordnung und Hierarchie, die in der weltweiten bildenden Kunst gewaltige Spuren hinterlassen haben.
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