Im Jahr 2026 machte die jährliche Rede der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, zur Lage der Union (State of the Union) die Menschenrechte zum zentralen Leitmotiv der gesamten europäischen Politik. In der Rede werden die Menschenrechte nicht als eigenständiges oder isoliertes Thema dargestellt, sondern in die Debatten über Sozialpolitik, Gleichstellung der Geschlechter, Kinderschutz, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Migration und Technologie eingebettet. Die Kernbotschaft der Rede ist unmissverständlich formuliert: „Die Zeiten und Technologien ändern sich, doch unsere Werte bleiben bestehen. In Europa werden die Menschen immer an erster Stelle stehen.“.
Soziale Rechte: Wohnen, Pflege und das Recht, in der Heimatregion zu bleiben
Europa hat sich dafür entschieden, nicht nur seine wirtschaftliche und politische Autonomie, sondern auch sein einzigartiges Sozialmodell zu bewahren. Im Zuge der Reform der Industriepolitik ist die EU bestrebt, das soziale Sicherungssystem zu schützen, das unmittelbar mit dem Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger verbunden ist.
- Aktualisierung der sozialen Säule: Die Präsidentin der Europäischen Kommission betonte die Notwendigkeit, die Europäische Säule sozialer Rechte an den gesellschaftlichen Wandel anzupassen.
- Neue Initiativen: Angekündigt wurden Investitionen in die Regionen, die Schaffung eines Europäischen Pflegeabkommens und die Verabschiedung des ersten in der Geschichte Wohnungsgesetz (Wohnungsgesetz) zur Bekämpfung der Probleme durch Kurzzeitvermietungen und Immobilienspekulation.
- Rechte statt Privilegien: Von der Leyen erklärte: „Die Möglichkeit, in der eigenen Region zu bleiben, ist kein Privileg. Pflege ist kein Privileg. Wohnraum ist kein Privileg. Die Menschen haben ein Recht darauf. Wir müssen den Europäern diese Rechte gewährleisten.“.
Damit wird der Begriff der Menschenrechte erweitert: Bezahlbarer Wohnraum, Pflege und die Möglichkeit, in der Heimatregion zu leben, werden offiziell aus dem Bereich der Wirtschaftspolitik in den Rang grundlegender Menschenrechte erhoben, die unter Berücksichtigung demografischer und regionaler Faktoren ein würdevolles Leben gewährleisten.
Künstliche Intelligenz und Arbeitsmarkt: Schutz vor neuer Ungleichheit
Besondere Aufmerksamkeit gilt in der Rede den Risiken, die mit der Einführung künstlicher Intelligenz auf dem Arbeitsmarkt verbunden sind.
- Gefahr einer Vertiefung der Kluft: Brüssel weist darauf hin, dass die Vorteile der KI je nach Qualifikation, Alter und Wohnregion der Beschäftigten ungleich verteilt sein könnten.
- Menschenzentrierter Ansatz: Im Kontext der Menschenrechte wird technologischer Fortschritt nicht nur anhand seiner wirtschaftlichen Effizienz bewertet, sondern auch danach, wie er sich auf das Leben des Einzelnen auswirkt.
- Neue Garantien: KI soll Menschen dabei helfen, Kompetenzen zu entwickeln, hochwertige Arbeitsplätze schaffen und allen faire Chancen bieten – von der Bildung bis zur Beschäftigung. Die EU bekräftigt das Recht jedes Arbeitnehmers auf Anpassung an den sich wandelnden Arbeitsmarkt.
Frauenrechte: Errungene Gleichstellung schützen
Die Rechte der Frauen standen im Mittelpunkt der Rede der Europäischen Kommission.
- Direkte Bedrohung: Ursula von der Leyen warnte ausdrücklich davor, dass die grundlegenden europäischen Werte bedroht seien, und erklärte: „Manche wollen, dass Frauen weniger Rechte haben“.
- Kompromisslose Haltung: Die Präsidentin der Europäischen Kommission erinnerte an den historischen Kampf für die Gleichberechtigung der Geschlechter, Gleichbehandlung und gleiche Bezahlung. Sie betonte, dass Gleichstellung keine einmalige historische Errungenschaft sei, sondern ein Prozess, der ständig verteidigt werden müsse.
- Ein Bekenntnis zum Widerstand: „Frauen werden nicht aufgeben. Wir werden unsere Rechte verteidigen. Und wir werden weiterhin jeden Tag unsere Werte verteidigen“, erklärte von der Leyen.
Schutz von Kindern im digitalen Umfeld: die Tragödie um Olie und das Kinderrechtegesetz
Eines der emotionalsten und aufsehenerregendsten Themen der Rede war die Sicherheit von Kindern im Internet.
- Digitale Abhängigkeit: Junge Europäer verbringen täglich vier bis sechs Stunden vor Bildschirmen und geraten dabei in die Abhängigkeit von Algorithmen und Plattformen, die darauf ausgelegt sind, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. In der Rede hieß es: „Kindern wird ihre Kindheit genommen“.
- Eine persönliche Tragödie als politischer Auslöser: Als Beispiel für die schwerwiegenden Folgen von Cybermobbing wurde die Geschichte der 14-jährigen belgischen Schülerin Oleja angeführt, die sich aufgrund von Online-Mobbing das Leben nahm. Die Mutter des verstorbenen Mädchens sagte: „Ich bin überzeugt, dass meine Tochter noch am Leben wäre, wenn es diese allgegenwärtigen Netzwerke nicht gäbe. Es reicht.“.
- Gesetzgeberische Maßnahmen: Die EU kündigte einen Vorschlag zur Verabschiedung eines Gesetzes über die Rechte von Kindern (Children’s Rights Act) an, das unterschiedliche Schutzniveaus für verschiedene Altersgruppen festlegen soll. Plattformen soll der Einsatz suchterzeugender Funktionen und von Algorithmen untersagt werden, die Kinder zu extremen Inhalten führen. IT-Giganten werden selbst nachweisen müssen, dass ihre Dienste für Minderjährige sicher sind.
Desinformation, Rechtsstaatlichkeit und Ausgewogenheit in der Migrationspolitik
In den abschließenden Themenblöcken der Rede wurden die Widerstandsfähigkeit der demokratischen Institutionen und der EU-Außengrenzen behandelt.
- Bekämpfung von Desinformation: Das Recht auf freie Meinungsbildung und demokratische Teilhabe hängt unmittelbar von der Verlässlichkeit des Informationsumfelds ab. Desinformation und ausländische Einflussnahme wurden als unmittelbare Bedrohungen für das Vertrauen in die freie Presse und den demokratischen Prozess bezeichnet.
- Verbindung zwischen dem EU-Haushalt und den Menschenrechten: Die Achtung der Rechtsstaatlichkeit und der Grundrechte wird zur zwingenden Voraussetzung für die Finanzierung aus Mitteln der Europäischen Union erklärt – sowohl im laufenden als auch in künftigen Haushalten.
- Migrationspolitik: Brüssel betont die Notwendigkeit, eine strenge Kontrolle der Außengrenzen mit der uneingeschränkten Wahrung der Rechte von Asylsuchenden und der Schaffung von Möglichkeiten für eine sichere und legale Migration zu verbinden.
Die Rede von 2026 zeigt, dass die Menschenrechte für die Europäische Union zum wichtigsten Maßstab für alle politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Entscheidungen werden. Trotz technologischer Umbrüche und geopolitischen Drucks bleiben der Mensch und seine Würde der zentrale Bezugspunkt der europäischen Politik.
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